Von Hans Otto Eglau

Noboru Yoshii, Managing Director der japanischen Sony Corporation, bewahrte nur mühsam seine asiatische Liebenswürdigkeit, als er sich von seinen deutschen Gastgebern im Frankfurter AEG-Hochhaus verabschiedete. Nach einer nicht nur für fernöstliche Begriffe äußerst kurzen Sitzung von knapp einer Stunde verließ er die Zentrale des zweitgrößten deutschen Elektrokonzerns, ohne sein Ziel erreicht zu haben: den Erwerb einer PAL-Lizenz und damit die Voraussetzung für eine großangelegte Offensive auf dem deutschen Markt für Farbfernseher.

Doch schon einen Tag nach dem kaum verhüllten Eklat demonstrierte der Sony-Mann seinen Kontrahenten, daß er nicht gewillt war, unverrichteter Dinge die Heimreise nach Tokio anzutreten. In einem Brief an das Bundeskartellamt beantragte Sonys Rechtsberater, der Münchener Wirtschaftsanwalt Bernhard Seidler, am 21. Juli die Einleitung eines Mißbrauchsverfahrens gegen AEG-Telefunken.

Damit nicht genug: In einer Erklärung an die Presse beschuldigten die Japaner die AEG-Bosse, mit ihren Lizenzbedingungen nicht nur den Interessen der europäischen Verbraucher zu schaden, sondern auch gegen die deutschen und japanischen Kartellgesetze sowie EWG-Verträge zu verstoßen. Gleichzeitig kündigten sie an, Anfang August erstmalig einen unter Umgehung der im Besitz von AEG-Telefunken liegenden PAL-Patente entwickelten Farbfernseher in der Bundesrepublik anzubieten.

Die Attackierten schlugen prompt zurück: Per einstweiliger Verfügung ließen sie Sony verbieten, seine öffentliche Kartellschelte gegen AEG fortzusetzen. Wegen Verletzung ihrer Schutzrechte erhoben die AEG-Juristen am vergangenen Freitag gegen die Japaner überdies Patentklage vor dem Düsseldorfer Landgericht. Der Krach war perfekt.

Auf einen Sieg vor Gericht hoffen mit AEG-Telefunken die meisten europäischen Hersteller von Colorgeräten. Denn würden die Deutschen verlieren, müßte die Industrie mit einer Flut billiger Japan-Importe rechnen. Da bereits in rund 60 Prozent aller japanischen Haushalte ein Farbfernsehgerät steht (in der Bundesrepublik dagegen erst in zehn Prozent), suchen die Japaner mit ihrer Jahresproduktion von 7,5 Millionen Apparaten zur Zeit verzweifelt nach Absatzmöglichkeiten auf dem expansiven europäischen Markt. Japans Drang nach Westen bekamen die AEG-Manager erstmalig im Frühjahr vergangenen Jahres voll zu spüren, als die fernöstlichen Elektrokonzerne durch Nixons Importzoll auf einem Teil ihrer bisher überwiegend in die USA gelieferten Exportgeräte sitzenblieben.

Vor unerwünschter Konkurrenz waren die europäischen Produzenten so lange sicher gewesen, wie es die Japaner ruhig hingenommen hatten, daß ihnen AEG Farbfernsehlizenzen rundweg verweigerte. Die Deutschen beriefen sich dabei auf ihren erklärten Grundsatz, Lizenzen nur an Hersteller in denjenigen Ländern zu vergeben, in denen Sendungen nach der PAL-Norm ausgestrahlt werden. Japan aber verwendet an Stelle des deutschen Systems eine Variante des in den USA durch das National Television System Committee entwickelten und nach dieser Institution benannten NTSC-Verfahrens.