München wird vom Olympiafieber geschüttelt, auch kulturell. Jede Woche, jeden Tag werden neue Aktivitäten gemeldet. Jedes Museum, jede Galerie setzt auf Olympia, reiht sich ein ins Rahmenprogramm. Kiel dagegen tut nichts dergleichen. Es hat, rechtzeitig zur Kieler Woche, eine "Mensch und Meer"-Schau inszeniert. Mehr ist der Stadt zur Olympiade nicht eingefallen, denkt der kunstfreundliche Kiel-Tourist, wenn er mühsam die Kilometer zwischen "Mensch und Meer" abwandert. Bis er zufällig, 400 Meter vor der Kunsthalle, vor dem alten Kieler Schloß stehen bleibt. Er möge den Rantzaubau betreten: Was ihm hier als "Stiftung Pommern" offeriert wird, hat olympisches Format.

Ein Bild von Frans Hals ist da zum Beispiel zu sehen, das, mindestens, die gleiche Qualität hat wie das Hals-Porträt, für das München vor einigen Jahren elf Millionen bezahlte. Ein Raum Romantik, in dem Caspar David Friedrich mit drei Gemälden dominiert. Die "Landschaft mit gotischer Stadtsilhouette" (schwarz vor gelbem Wolkenhimmel, mit zwei dunklen Spaziergängern im Vordergrund, die nach Friedrich-Manier die Landschaft, also das Bild betrachten) wird im September nach London reisen, wo die Tate Gallery die bisher größte Friedrich-Retrospektive eröffnet. In der jüngsten Friedrich-Literatur wurde das Bild irrtümlich als verschollen angeführt, nun, ist es in Kiel wieder aufgetaucht. Die beiden andern Friedrich-Bilder: eine kleinformatige "Felsenschlucht" und das "Bildnis des Bruders Christian Friedrich eines der ganz seltenen Porträts in seinem Oeuvre. Im gleichen Raum hängen Bilder von Philipp Otto Runge ("Bildnis eines jungen Mädchens"), von Blechen, Wasmann, von Reinhart und Reinhold, Pforr, Olivier, ein exzellentes Ensemble deutscher Romantiker.

Das Konvolut der Zeichnungen ist bisher noch nicht katalogisiert und publiziert. Es enthält, in der Romantiker-Abteilung, zehn Zeichnungen von Friedrich, aber auch Blätter von Runge und Blechen, hat Klaus Rohrand festgestellt, der die "Stiftung Pommern" kunsthistorisch betreut.

Warum "Stiftung Pommern" und wie sind die Bilder und Zeichnungen nach Kiel gekommen? Es handelt sich um den Bestand des ehemaligen Stettiner Kunstmuseums, das neben einer Provinzialsammlung pommerscher Altertümer existierte. Das Museum auf der Hakenterrasse wurde erst 1913 eröffnet, der Bau sei ein grandioses Beispiel spätwilhelminischer Baugesinnung gewesen, schreibt Professor Otto Kunkel in einem lesenswerten Katalogbeitrag, über die Geschichte des Stettiner Stadtmuseums.

Die Anfänge reichen weit zurück ins 19. Jahrhundert. 1834 wurde ein Kunstverein für Pommern gegründet, der Ausstellungen veranstaltete und Bilder kaufte. Das erste Bild wurde 1843 angeschafft, ein Historienbild, "Bischof Otto die Wenden bekehrend", es wurde in einer Schulaula Ausgestellt und ist einer der zahlreichen Säuberungsaktionen zum Opfer gefallen. 1911 beispielsweise kam Wilhelm von Bode, Berliner Museumsdirektor und deutscher Kunstpapst, nach Stettin und sortierte 50 Schinken aus, die verkauft wurden (heute würden einige davon vermutlich schon wieder hoch im Kurs stehen).

Der Pommersche Kunstverein war fortschrittlich in seiner Ankaufspolitik, bis 1908 hat er 64 000 Mark in aktueller Kunst investiert, in Biedermeier, Realismus, der revolutionären Freilichtmalerei. Waldmüller, Hosemann, Leibl, Schuch, Trübner, Uhde, Slevogt, Liebermann sind frühzeitig in die Stettiner Galerie gekommen. Die Alten Meister allerdings waren für einen Kunstverein unerreichbar. Sie wurden von Mitgliedern gestiftet. Eine verwitwete Frau Regierungsrat schenkte der Galerie zwei Porträts von Frans Hals, die ihr Mann für seine Stettiner Wohnung angeschafft hatte. Eine Reihe exzellenter Bilder der verschiedensten Epochen sind auf diesem Weg in das Provinzmuseum gekommen. Ein wundervolles Stilleben von Georg Flegel, niederländische Landschaften des 17. Jahrhunderts, eine Marine von Jakob Philipp Hackert, der aus Prenzlau stammt, einer der wenigen pommerschen Maler, die das Stettiner Museum besaß. Friedrich und Runge, die beiden größten Maler pommerscher Provenienz, waren im 19. Jahrhundert so gut wie unbekannt. Sie wurden erst in den zwanziger Jahren angekauft, als das Museum bereits einen professionellen Direktor hatte, den Kunsthistoriker Walter Riezler, der sich vor allem für den Expressionismus engagierte und deshalb 1934 von den Nationalsozialisten in Pension geschickt wurde.

Aber schon lange vor Riezler, vor 1914 hat Stettin einige Spitzenwerke der europäischen Moderne erworben. Man sieht Derain, Utrillo und, ein bemerkenswerter Beweis für die progressive Haltung der Stettiner, eine Landschaft von van Gogh ("Allee bei Arles"). Das Bild wurde bereits 1911 in München gekauft, und es hat erstaunlicherweise den nazistischen Bildersturm überstanden (neuerdings wurden Zweifel an der Echtheit angemeldet, die Frage ist defintiv noch nicht entschieden).