Von Josef Müller-Marein

Auf dem Waldfriedhof von Heiligenthal in der Lüneburger Heide, wo Ernst von Salomon am Sonnabend voriger Woche begraben wurde, erinnerte H.-M. Ledig-Rowohltdaran, daß sein Vater, Ernst Rowohlt, ihn zum Schreiben ermuntert hatte. Es waren erschütternde Augenblicke der Erinnerung an eine Freundschaft, die beide Rowohlts mit Salomon verband, vierzig stürmische Jahre lang.

Ernst Rowohlt hatte in dem jungen Ernst von Salomon die starke, originale Erzählerbegabung sofort erkannt. Und da er, wie er zu sagen pflegte, "Autoren" verlegte, "nicht Bücher", nahm er mit vitaler Freude "das neue Pferd, ein störrisches Vollblut, in seinen Stall". Daraus hat sich eine Lebensfreundschaft entwickelt, die ihnen noch viel mehr wert war als ihr großer schriftstellerischer und verlegerischer Erfolg.

Wo gibt es einen Menschen, zu dessen Lob sich alle einig sind? Es ist allerdings auch nicht jedermanns Vergnügen, sich schockieren zu lassen. Während also einige in gewisser Entfernung bleiben, eilen andere herbei, sobald sie jemanden wittern, der sich nicht zähmen läßt, der von der Norm abweicht, um den "etwas los ist". So war es mit und um Ernst von Salomon. Da aber bei uns zulande wohl die Vorsichtigen überwiegen, wird es wohl noch einige Zeit dauern, ehe die Vorurteile gegen diesen Autor und seine Person beseitigt sind; Vorurteile, zu denen er allerdings nach Kräften beigetragen oder zu deren Beseitigung er nichts oder nicht genug getan hat.

Weil er als Jugendlicher, falsch erzogener, unreifer Ex-Kadett, ein halbes Kind noch, schon Baltikum-Kämpfer gewesen war, sich von jener rechtsradikalen Gruppe hatte einfangen lassen, die nach dem Ersten Weltkrieg das besiegte Deutschland von seinen "Erfüllungspolitikern" ("erfüllen" mußten sie die Bedingungen des Versailler Vertrags) "befreien" wollten, lernte er die Kerkerzelle früher als das eigentliche Leben kennen. Doch seine Beteiligung am Rathenau-Mord, um dessen Sühne es ging, war höchstens Gesinnungs-, nicht Tat-Sache. Aber er mußte sie büßen, weil er sich dazu bekannte. Man hatte ihn nämlich belehrt, daß Kameradschaft das Höchste sei. Er hat dann sein Leben lang unter seiner Schuld gelitten. Ging er in seinem Arbeitszimmer in Stöckte bei Winsen auf und ab, war es immer die gleiche Zahl der Schritte, die er in der Zelle gemacht hatte.

Natürlich hat man ihn bei solcher Vergangenheit für einen Antisemiten gehalten; er war es nicht. Und für einen Nazi; er war im Gegenteil ein Hitler-Gegner. Er hat beides durch die Tat bewiesen. In jenem großen Buch, dem der geniale Einfall zugrunde liegt, alle 131 Punkte des "Alliierten-Fragebogens" ausführlich und möglichst wahrheitsgetreu zu beantworten, kommt ein Erlebnis vor, das typisch für sein Leben war: Der amerikanischen Nachkriegshaft entronnen, las er auf dem amtlichen Zettel den Grund seiner Entlassung. Er lautete: "Irrtümlich verhaftet..."

Kein Wunder, daß in dem Bilde, das Ernst von Salomon sich von der Welt machte, mancherlei verwoben, durcheinander gewoben war, was nicht zueinander paßte. Obendrein konnte er es niemals lassen, Formulierungen zuzuspitzen und zu überspitzen, sei es, um schlagfertig oder humorvoll zu sein, sei es, um zu verblüffen; oft und oft erregte er Anstoß auch deshalb, weil er sentimental, weil er überaus empfindsam war. Um Beethoven zu zitieren, dessen Werk er von Grund auf kannte und "Musik für Unmusikalische" nannte: "Der Überschwang der Empfindung weicht der Empfindung aus."