Von Wolfram Siebeck

Wieder einmal hat sich gezeigt, daß in Bonn kein geheimes Papier, kein, noch so vertraulicher Vorgang von unbefugter Veröffentlichung verschont bleibt. Die betroffenen Politiker und Ministerien haben es längst aufgegeben, nach der undichten Stelle zu fahnden. Es gibt ihrer wohl zu viele. Der neueste Skandal fuhr jedoch auch verratsgewohnten Bonnern tiefer als üblich in die Glieder. Quick (oder war es Die Welt? Jedenfalls eines dieser Blätter, die offenbar jedes Papier abdrucken können,. wenn es nur geheim ist) veröffentlichte in ihrer letzten Ausgabe eines der bestgehüteten Bonner Geheimnisse: Der Staatssekretär im Ministerium für eventuelle Sonderangelegenheiten Claus-Ferdinand Teckenburg hat zum zweiten Mal geheiratet! Nachdem er sich erst vor acht Monaten von seiner gleichaltrigen Frau hatte scheiden lassen, der er die beiden Kinder und den Dobermann "Tommy" überließ, ehelichte der gutaussehende Fünfziger die 25 Jahre jüngere Sägewerkstochter Griselda Liebermann. Daß die Eheschließung vor den Arbeitskollegen und den Verwandten des Brautpaares verheimlicht wurde, entsprach einem alten Bonner Brauch. Sogar der zuständige Minister erfuhr es erst aus der Zeitung. Der Staatssekretär hatte sich eine Sondererlaubnis besorgt, mit der er seinen Trauschein unauffällig aus dem Bahnsteigkartenautomat des Bonner Bahnhofes ziehen konnte. Der Standesbeamte war als Gepäckträger getarnt und trug in zwei großen Koffern die beiden Trauzeugen, einen bekannten deutschen Herrenreiter und den Rüdesheimer Weingroßhändler Zuckermann. Reporter, die, durch Gerüchte alarmiert, bei der Bundesbahn anfragten, erhielten lediglich die lapidare Auskunft "Der Zug ist abgefahren".

Trotzdem pfeifen die Spatzen alle Einzelheiten der diskreten Trauungszeremonie von den Dächern: "... Der Standesbeamte mußte lange auf das ,Ja‘ der Braut warten, weil in diesem Moment eine Lautsprecherdurchsage die Verspätung des TEE ‚Rheinblitz‘ ankündigte ..." – solche Veröffentlichungen sind bezeichnend für die Laxheit, mit der in Bonn Staatsgeheimnisse gehütet werden.

Erst kürzlich wurde die zweite Heirat des Kanzleramtsministers Ehmke schon zwei Tage nach der Trauung bekannt. Nicht nur erfuhr die Öffentlichkeit aus dem Spiegel (oder war es die Münchner AZ? Jedenfalls eine dieser Publikationen, die offenbar jedes Papier nachdrucken können, wenn es nur geheim ist und der entsprechende Verleger Trauzeuge war), daß die zweite Frau des Ministers 20 Jahre jünger als er und attraktiver ist; es gelang den Journalisten sogar, sie telephonisch in ihrem neuen Heim zu erreichen. Dabei konnten sie sich davon überzeugen, daß Frau Ehmke eine tiefe, sympathische Stimme hat! Ein Abgrund an Geheimnisverrat.

Wo sind die Zeiten, da es für einen verheirateten Mann genügte, den Ehering in die Westentasche zu stecken, und alle Bardamen redeten ihn mit "Na, Kleiner?" an; was ist das für eine Zeit, da ein Aufgebot genausowenig geheim gehalten werden kann wie ein Aufmarschplan der Bundeswehr?

Schiller, Genscher, von Hassel, Ehmke und nun Teckenburg – das ist die deprimierende Kette der Beweise für die Unfähigkeit der Männer dieser Regierung, allein zu leben.