Als sich der Hamburger Zeitschriften-Großverlag Heinrich Bauer (Umsatz: 650 Millionen Mark) Mitte Januar zum zweitenmal in Schleswig-Holstein im Zeitungsgeschäft engagierte, staunte die Branche, und die Schleswig-Holsteiner Verleger lernten das Fürchten.

Mit der in Husum neu gegründeten Mittagszeitung Nord friesische Rundschau (Motto: "Heimatverbunden – Aktuell"; Startauflage 25 000) und der bereits 1970 von Bauer erworbenen Itze-, hoer Norddeutsche Rundschau (Auflage: knapp 30 000) wollte sich der Illustrierten-Macher (Quick, Neue Revue, Wochenend, Sexy, Bravo, Das neue Blatt, TV Hören und Sehen, Praline; Gesamtauflage: 16,5 Millionen) nun auch auf dem Zeitungssektor etablieren.

Der Erfolg schien programmiert. Siegfried Moenig, Generalbevollmächtigter des Konzerns: "Eine Tageszeitung mit einer Auflage unter 100 000 Exemplaren hat keine Lebenschance." Und Fred Krause, "Macher" von Sexy und Wochenend und Chefredakteur der Nordfriesischen Rundschau: Eine Abonnentenzahl von 20 000 sei auf lange Sicht nicht utopisch.

Letzten Freitag, knapp sieben Monate nach dem Start in der "grauen Stadt am Meer", wurde das Bauer-Blatt eingestellt – wegen Erfolglosigkeit. Bauer-Bilanz: Bei nur 2500 Abonnenten war die Auflage auf 5000 abgesackt. Moenig: "Uns allen muß der Husumer Nebel die Brille beschlagen haben, sonst hätten wir den teuren Ausflug an die Deiche unterlassen." Rund 1,5 Millionen Mark verschwanden hinter den Deichen.

Dabei hatte sich gerade Moenig für den teuren Ausflug stark gemacht. Monate vor dem Start hatte er vor Ort recherchiert und einen aufnahmefähigen Markt entdeckt. Die Konkurrenz, die Husumer Nachrichten (Auflage: 19 000) war, nach Meinung von Peter Johannsen, Bauer-Geschäftsführer in Itzehoe, eine reichlich lahme Zeitung. Der ausschlaggebende Grund für die Gazetten-Neu.gründung war allerdings technischer Natur: Die in Itzehoe erworbene Rollenoffset-Rotation war mit der dort gedruckten Norddeutschen Rundschau allein nicht ausgelastet:

Die Schwäche der Hinunter Nachrichten hatte den Bauer-Vorstoß an die Westküste zudem leicht erscheinen lassen. Die nahezu hundert Jahre alten Nachrichten hatten ihre Leser- und Anzeigenkundschaft gleich mit zwei Neuerungen geschockt. Am 1. Januar 1971 war das Blatt von einem heimischen Verleger auf den Verlag des Flensburger Tageblatts übergegangen. Die Zeitung wurde vom kleinen Berliner auf das große Hamburger Format umgestellt.

Doch die "lahme Konkurrenz" und die eher konservative Westküstenbevölkerung durchkreuzten die Bauer-Pläne. Bei einem Verbreitungsgebiet von rund 30 000 Haushalten hätte laut Fred Krause das neue Blatt "fast jeden Leser der Konkurrenz abnehmen oder eigene Leser zeugen" müssen. Christian Schmidt, der in Husum einen Lesezirkel betreibt und von Bauer zum Verlagsrepräsentanten angeheuert wurde: "Das Beharrungsvermögen ist hier erheblich."