In München waren die Helden manchmal nur noch müde, dann wieder demonstrierten die Olympioniken des New York City Ballet blendenden Tanz. Diese Ansammlung von Modellathleten, die über zwanzig Jahre Platz eins in der Weltrangliste der großen Ballett-Kompanien hielt, zeigte sich beim Gastspiel im Rahmen des olympischen Kulturprogramms durchaus in geschwächter Verfassung.

Daß zeitweilig der Eindruck einer Senioren-Truppe entstand, wurde allerdings durch die Programmauswahl geradezu provoziert. Allzu beflissen verfiel das New York City Ballet, das ein Mammut-Festival in memoriam Strawinsky hinter sich und eine Tournee in die Sowjetunion vor sich hat, der Devise des offiziellen olympischen Kulturprogramms, möglichst Repräsentatives vorzuzeigen. Das waren: Prunkstücke wie Balanchines "Sinphonie in C", die ebenso blendend getanzt wurden wie die Beispiele der berühmten Schwarz-weiß-Ballette, "Movements" und "Monumento pro Gesualdo", in denen Balanchine mit Sport und Mathematik die Choreographie revolutioniert hat.

Dann aber Arbeiten aus zweiter Hand, Balanchine-Aufgüsse: Die abendfüllenden "Jewels", die mit ihren glitzernden Imitationen von Smaragd, Rubin, Diamant aussehen wie eine Warenhaus-Dekoration; zu einem Wunschkonzert-Potpourri wird aufgedonnertes Tanzgehabe arrangiert. Ebenso in der Tschaikowskij-Suite Nr. 3, die ohne jeden dramaturgischen Sinn in schwülstiger Romantik beginnt und in einer protzigen Schaustellung endet. Das Angebot des jüngsten New York Strawinsky-Festivals wurde in München parodiert mit einem "Feuervogel" von George Balanchine und Jerome Robbins, den ein hiesiger Provinz-Choreograph mit Sinn für Folklore und Kinderspiele nicht minder perfekt zusammengebracht hätte, und mit Robbins’ Kurzrevue "Scherzo fantastique".

Aber unter den zehn Balletten waren zwei Arbeiten von Robbins, die den für gewöhnlich engen Rahmen esoterischer Ballett-Ästhetik sprengten und außerdem sehr genau die gegenwärtige Verfassung des New York City Ballet beschrieben. Vor vier Jahren hat Robbins mit "Dances at a gathering" eine neue romantische Welle in der Choreographie eingeleitet. Bilder aus dem klassisch-romantischen Ballett werden von fünf Paaren spielerisch zusammen getanzt oder wieder aufgegeben. Diese Idylle verflüchtigt sich aber nicht, sie wird in Tschechowscher Manier, wie in dessen "Drei Schwestern", als Gruppenbild mit leichter Ironie photographiert, vergeblich festgehalten. Gegen Ende der knapp einstündigen Chopin-Walzerfolge geraten die "Love stories" aus dem Lot. Irritiert versuchen die Tänzer wieder in Tritt zu kommen. Mit deutlich schmerzlichem Unterton endet das Ballett, das auch programmatisch zu begreifen war: Als Abschied der großen amerikanischen Senioren-Kompanie von der Gründerzeit des Neu-Klassischen Balletts, vielleicht sogar als Ahnung davon, daß der Neoklassizismus von einer informellen Phase, von Spiel und Improvisation abgelöst werden könnte.

Diese Trauer um das "nicht Wiederholbare" hat Robbins paradoxerweise in einem Ballett aufgegeben, das eigentlich sehr viel kühner in die Vergangenheit greift, nämlich zu Bachs enzyklopädisch monumentalem Klavierwerk, den "Goldberg-Variationen". Robbins choreographiert alle dreißig Variationen samt deren Wiederholung als konzertantes Ballett. Über neunzig Minuten, zuerst wie im Bürgerkleid zu Bachs Zeiten, dann im Trainingsdreß, schließlich in Spitzenhemd und Kniebundhose, verfolgt ein großes Aufgebot von Solisten und flankierenden Gruppen den Weg dieser Musik von der Galanteriegestik des Rokoko bis zu ihren romantisch-dramatischen Aufbrüchen, Robbins besteht mühelos mit seinem Handwerk vor dieser komplexen Komposition, macht sich manchmal sogar von der Musik frei. Der anekdotisch leichte Beginn verweist mehr auf den Unterhaltungscharakter der Variationen: Robbins liest daraus Revue-Partien, folkloristische Ensembles, schürzt einige kleine dramatische Knoten, steigt aber immer mehr in die Struktur der Musik, ihre Polyphonie vor allem, ein.

Zum Schluß wieder ein festliches Photographier-Ensemble, ein Gruppenbild mit Ironie, dieses Mal aber nicht nach Tschechow. "Goldberg-Variationen" ist noch einmal eine Steigerung des tänzerischen Neoklassizismus. Dieses Ballett bestätigt die Geschichte der Institution New York City Ballet. Die längst fällige Frage: Wie geht sie weiter? Jens Wendland