Von Gerhard Zwerenz

Hier gibt es unterdrückte, ausgebeutete Klassen, aber keine einzige herrschende, maximal von Zwängen befreite Oberklasse. Kleinwagen müssen Großwagen weichen, schnelle Fahrzeuge stoßen auf die schnöde Widerspenstigkeit der Untermotorisierten, den Pkw-Verkehr behindert der Lkw-Verkehr, der Lkw-Verkehr rollte viel besser und flüssiger ohne den Pkw-Verkehr.

Entsprechend sind die Wunschvorstellungen; selten wagt einer seine Traumwelt auszusprechen, ihre Träume hegen sie alle. Jeder hält von seiner Klasse mehr als von anderen. Sonntags, während des Lkw-Fahrverbots, wenn die Personenwagen unter sich sind, macht das Fahren viel mehr Spaß; werktags hindern die Unmengen von Pkws die Lkw-Massen daran, die Autobahn zu der reinen. Güterverkehrsstrecke zu perfektionieren, als die sie sie sehen. Endlich der Krieg zwischen Schnell und Langsam, zwei Stunden braucht der Fixe von München nach Frankfurt, wäre die Strecke frei, der Gemächliche kontert: Wie schön und genießerisch ließe die Fahrt sich an, liefe man nicht immer Gefahr, von den Rasern aufgespießt, zerschellt, torpediert zu werden.

Unterdrückt sind alle. Keiner lebt im Reich der Freiheit, das er sich einfordert. Was oben ist, muß nur zu oft herunter, was unten war, steigt triumphierend auf, kann es in bedächtiger Reisegeschwindigkeit die Überholspur blockieren.

Die Trotzköpfe: Sie sind langsam, wären gern schnell, versteifen sich auf ihr Recht. Hinter ihnen auftauchende Schnellfahrer nehmen sie nicht wahr, scheren aus, überholen, ohne überholen zu können, sitzen am Steuer, geben zu verstehen: Ich will überholen. Wenn ich nicht wirklich überhole, sind die anderen daran schuld.

Endlich haben sie doch überholt, halten aber die linke Fahrbahn weiterhin besetzt, denn der Schnellere hinter ihnen drängelt und will vorbei, das erweckt den Pädagogen im Langsameren. Er wird’s dem Ungeduldigen beibringen, der soll sich anständig benehmen, nicht so angeben mit seinem Schlitten, wir bleiben jetzt auf der Überholspur, soll der Mann dort hinten explodieren vor Wut, Soll er auf die rechte Fahrbahn wechseln, rechts an uns vorbeiziehen, diese Ungesetzlichkeit ist ihm zuzutrauen. Welch ein Hochgefühl des Triumphs, kann man den Hintermann abbremsen, ewig hinter uns herzockeln soll er zur Strafe dafür, daß er schneller sein könnte als wir.

Welch eine Genugtuung, vergeht sich der Geschwindere gegen Recht und Gesetz, zieht verbotenerweise rechts an uns vorbei und davon. Der Teufel soll ihn holen, oder wenigstens der Tod oder wenigstens die Polizei.