ARD, Montag, 14. August: "Das ist unser Haus", von Claus-Ferdinand Siegfried

Im Dezember 1971 besetzten Jugendliche ein leerstehendes Schwesternheim, nannten das im Berliner Bezirk Kreuzberg gelegene Gebäude Georg-von-Rauch-Haus, richteten sich ein, wiesen in der Folgezeit alle Angriffe von außen ab, trugen in offener Diskussion Konflikte im Inneren aus – Arbeitswillige debattierten im Plenum mit Arbeitsverweigerern: "Wir schaffen für euch mit. Bedenkt, was das heißt: Nutznießer fremder Arbeit zu sein" – und reflektierten dabei, in welchem Ausmaß, eine Gemeinschaft, die selbstbestimmt sein möchte, auf die Übernahme jener Muster (Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordnung) angewiesen ist, die der Gesellschaft als unantastbar gelten. Keine Rede von Anarchismus und der Irrationalität einer Schüler-Revolte: Die Gleichnishaftigkeit der Situation – gleichnishaft für eine künftige Befreiung allgemeinerer Art – wurde, erkannt, ihr Symbolcharakter, symbolisch für eine bevorstehende Emanzipation der Gesamtheit, nüchtern durchschaut. Man realisierte, daß nur das schlechte Gewissen die Regierenden eine Aktion hatte dulden lassen, die, nähme sie größere Ausmaße an, jederzeit verhindert werden könnte. In einer solchen Situation, dies zeigte der Film, bietet einzig die reflektierende Übernahme bürgerlicher Normen eine Überlebenschance, im Äußern und Innern.

Lustprinzip kontra Realitätsprinzip; Symbol und Wirklichkeit, Entfremdung und Freiheit: Grenzen und Möglichkeit der Partialhilfe in einer widrigen Gesellschaft hätten sich am Beispiel des Georg-von-Rauch-Hauses und der Diskussionen seiner Bewohner aufzeigen lassen. (Diskussionen von hohem Niveau – philosophische Gespräche, gemessen an jenem Austausch von Floskeln, zu dem die Komis-Stube die Altersgenossen der Rauch-Häusler zwingt.)

Doch leider blieb es, wie so oft, bei einer impressionistischen Wiedergabe des Lokal-Kolorits. Hier ein paar Demonstrations-Bilder, dort – gegliedert immerhin, das sei ausdrücklich anerkannt – Diskussions-Teilchen von Debatten im Plenum, in denen ein Problem, kaum angetippt, sich schon durch das nächste ersetzt sah: Der Betrachter am Bildschirm wurde unzureichend informiert, Zahlen wären ihm wichtiger als Stimmungsbilder gewesen, Fragen blieben offen, deren Beantwortung er verlangen durfte: Was zum Beispiel geschieht, wenn ein Schüler im Georg-von-Rauch-Haus partout den Unterricht schwänzt und sich durch keine Argumente davon abhalten läßt? Muß er dann seinen Platz men? Ausgeflippt und abgebucht? Oder wird weiter für ihn gesorgt? Wer tritt an seine Stelle? Warum sind keine Sozialarbeiter im Haus? Bekommt man sie nicht? Oder will man sie nicht? (Fragen, die in einem Resümee der Bewohner hätten beantwortet werden können – einem Resümee, das identisch mit einer Kritik des Films gewesen wäre, in deren Verlauf sich die Positionen von Filmmachern und Bewohnern umgekehrt hätten.)

Autoren sozialkritischer Berichte, dies wurde wiederum deutlich, sollten ihre Filme allein unter dem Aspekt der Aufklärung und Information des Zuschauers drehen und konsequent auf jene atmosphärischen Elemente verzichten, die als "ergiebig vom Bild her" gelten und in Wahrheit austauschbar sind. (Fort also mit dem Mann, der bei jeder Gelegenheit vom Balkon aus seine rote Jahre schwingt: Fort mit allem, was hier so gut faßt wie dort. Bringt mehr, Filmemacher, indem ihr weniger bringt, bringt das wenige konzentriert, und bringt das Konzentrierte auf den Begriff.) Momos