Von Rudolf Herlt

Wenn die Engländer in diesen Tagen sonnengebräunt aus dem Urlaub heimkehren, stehen sie wieder einmal vor einem Scherbenhaufen. Der Hafenarbeiterstreik, vorläufig letzte Etappe eines Arbeitskampfes, der im April begonnen hat, ist nur ein Glied in der langen Kette der Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung. Vom Kontinent her sieht es so aus, als triebe das Land, das wie kein zweites in Europa auf Leistung angewiesen ist, der wirtschaftlichen Katastrophe entgegen. Das Vereinigte Königreich gilt heute aus gutem Grund als "kranker Mann Europas". Seit 20 Jahren taumelt es von Krise zu Krise. Pfund-Krisen, offizielle und wilde Streiks, Bummelstreiks und neuerdings auch Gewalt und Notstandsmaßnahmen sind nur Symptome einer tief sitzenden Krankheit. Ist der Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine Chance zur Heilung oder werden die kontinentaleuropäischen Länder vielleicht sogar infiziert?

In einer Halle des zentralen Ersatzteillagers eines britischen Automobilkonzerns versammelten sich 400 Arbeiter. Unter der drohenden Begleitmusik ihrer Kumpel werden acht Mann an eine Stelle zitiert, über der ein Strick hängt, zu einer Halsschlinge geknotet. Denn es ist Gerichtstag für die acht. Ihr Vergehen: Sie hatten sich geweigert, an einem wilden Streik teilzunehmen. Ihre Richter waren betriebliche Vertrauensleute, sogenannte "Shop-Stewards". Das Urteil: Drei Pfund Strafe, an eine Wohlfahrtsorganisation zu zahlen.

Einer der acht, jung, groß und kräftig, weigerte sich zu zahlen. Vor seinen Kollegen hatte er keine Angst. Aber er fürchtete, sein Arbeitgeber würde ihn fallenlassen, falls die anderen seine Entlassung durch Streikdrohung erzwingen sollten. Er befragte einen Rechtsanwalt. So kam die Sache ans Licht. Die anderen "Verurteilten" waren eingeschüchtert und beugten sich dem Spruch. Zwei erhielten Polizeischutz, um unbehelligt aus dem Werk zu kommen. Einer verlor die Nerven, lief davon und wurde zwanzig Kilometer weiter völlig erschöpft in einem Straßengraben gefunden. Die Führer der beiden zuständigen Gewerkschaften verurteilten diese Selbstjustiz. Mehr aber geschah nicht.

Faustrecht im Arbeitskampf

Der Fall, der schon einige Jahre zurückliegt, ist symptomatisch für die Schwächen der britischen Arbeitsbeziehungen. Bis Ende Februar dieses Jahres standen die Gewerkschaften und ihre Mitglieder gleichsam außerhalb des Rechts, seit ihnen im Jahre 1906 gesetzlich zugesichert worden war, daß sie für Schäden, die sie im Laufe eines Arbeitskampfes anrichten, nicht aufzukommen brauchen. Im Windschatten dieser Immunität gedieh das Faustrecht militanter betrieblicher Vertrauensleute.

Die Gewerkschaften, zuallererst auf Selbsterhaltung bedacht, wagen niemanden zur Rechenschaft zu ziehen, auch wenn er mit wilden Streiks Dinge tut, die die Gewerkschaftsführung zwar nicht billigt, aber aus Schwäche auch nicht scharf verurteilt. Die Unternehmer – und mit zeitlicher Verzögerung stets auch die Regierung – beugen sich um des lieben Friedens willen eher der von Scharfmachern geführten Mehrheit, als daß sie deren Opfern Rückendeckung gäben. In diesem rechtlosen Raum waren Einschüchterungen und Angst zu Hause.