Von Horst Bieber

Paderborn‚ im August

Der Taxifahrer ist ehrlich erstaunt: "Was, der Augstein kandidiert hier? Will denn der Barzel nicht mehr?" Sinnend kurvt er durch den einzigen Kreisverkehr der Stadt. Das Resultat seines Grübelns: "Na, viel Aussicht hat er nicht!"

Rudolf Augstein, Verleger und Herausgeber des Spiegel, seit einer Woche FDP-Bundestagskandidat im Wahlkreis 106 Paderborn-Wiedenbrück, hat sich aus 13 Angeboten das schwierigste herausgesucht. Seit 1957 hat Paderborn Rainer Barzel in direkter Wahl in den Bundestag geschickt – 1965 mit 67,8 Prozent, 1969 mit 61,5 Prozent. Die FDP, die vor sieben Jahren noch stolze 6,5 Prozent errungen hatte, rutschte 1969 auf 3,8 Prozent ab. Aber wie sagte Augstein voller Optimismus? Er stelle sich dem Gegner gern dort, wo dieser vermeintlich am stärksten sei. Vermeintlich oder tatsächlich – das ist nun die Frage.

Irgendwann ist das Image Paderborns hinter dem wirtschaftlichen Aufschwung zurückgeblieben. Freilich ist die Stadt konservativ; im lokalen Parlament verfügt die CDU über eine Zweidrittelmehrheit, und in einigen Dörfern des Umlands treten die anderen Parteien bei Kommunalwahlen gar nicht erst an. Sicherlich – der Dom ist unübersehbar. Aber die Steigerung "Schwarz, schwärzer, Paderborn" trifft schon lange nicht mehr zu.

Der Gast aus dem Norden, erst am Nachmittag mit dem Flugzeug eingeschwebt, hatte sich bei der Besichtigung des Nachbarortes Wiedenbrück verspätet. Kameras und Mikrophone erwarteten ihn. Aber seine markigen Worte "Wir werden siegen", konnte die Tagesschau erst 24 Stunden später senden. Beim Vollzug der Regularien kamen die vierzehn Wahlmänner und -frauen, von der doppelten Menge Journalisten fast erdrückt, zum erwarteten Ergebnis: "Einstimmig" votierten sie für Augstein, der sich für das bisher "unverdiente Vertrauen" bedankte.

Der Raum für die anschließende Pressekonferenz war zu klein. Während Wähler und Gewählter sich dem Abendessen widmeten, drängelten Neugierige durch die Türen. Flankiert von roten Rosen, antwortete Augstein mit sprödem Charme auf harmlose wie auf provozierende Fragen. Nein, er habe zwar eine Wohnung in Paderborn (im sogenannten "FDP-Silo"), kenne aber den Wahlkreis noch nicht genug, um schon programmatische Aussagen zur Taktik und Thematik des Wahlkampfes zu machen. Doch an seiner Stoßrichtung ließ er keinen Zweifel: Er kämpft für das Überleben der bestehenden Koalition, mehr noch für die FDP, aber hauptsächlich gegen Barzel.