In der Bundesrepublik muß es immer noch Veranstalter geben, die an die heile Welt der Popfestivals glauben – und natürlich an die Möglichkeit, nach einigen Wochen organisatorischer Arbeit schnell einige zehntausend oder gar hunderttausend Mark einstreichen zu können. Der Organisator des kürzlich veranstalteten Festivals von Würzburg, das als Top-Star Joe Cocker verpflichtet hatte, zeigte sich allerdings tief enttäuscht, als ihm bei der Endabrechnung etwa 50 000 Mark in der Kasse fehlten.

Um ganz sicher zu gehen, hatte ein anderer Unternehmer, nach dem inzwischen die Kriminalpolizei fahndet, in der Bundesrepublik ein Plakat verteilen lassen, das ein Popfestival ankündigte, auf dem fast alle Spitzenverdiener des internationalen Rockmusik-Geschäfts hätten auftreten sollen. Obwohl man schon Karten im Vorverkauf erwerben konnte, fand dies Festival natürlich nie statt. Der Betrüger, laut Plakat ein "W. Hennig", hätte allenfalls das Geld kassiert und wäre nie mehr gesehen worden.

Nicht um kriminelle Auswüchse und Spekulationen dieser Art ging es dem Bayerischen Innenministerium, als es durch eine "innerdienstliche" Verfügung, einen Schnellbrief vom 21. Juli dieses Jahres, den zuständigen Stellen mitteilte, daß die Erlaubnis zur Veranstaltung von Pop-Festivals auf dem Gebiet des Freistaates Bayern "grundsätzlich versagt werden" solle. Irgendwer im Bayerischen Staatsministerium des Innern muß auf die Idee gekommen sein, Popfestivals könnten unter Umständen den olympischen Frieden stören und die "heiteren" Spiele in ein Rocker- und Rauschgift-Inferno verwandeln, bei dem die Sicherheit der ausländischen Gäste nicht mehr gewährleistet wäre. Jedenfalls bestätigte Dr. Stahl vom Innenministerium in einem Gespräch, daß die Sicherung eines ungestörten Verlaufs der Olympiade erster Anstoß zu diesem "grundsätzlichen" Verbot gewesen sei. Andererseits bedeute "grundsätzlich" im Juristendeutsch nur soviel wie "in der Regel"; von dieser Regel könne es unter Umständen auch Ausnahmen geben. Diese wiederum seien dem Innenministerium zu melden. Denn: "Erachtet eine Gemeinde eine Versagung oder Untersagung in einem Einzelfall nicht für gerechtfertigt, so ist dem StMdI fernmündlich oder fernschriftlich zu berichten."

Der Tenor des Schreibens ist defensiv gehalten. Anstatt eine Pop-Veranstaltung zu erlauben, sollen die Gemeinden sie zunächst einmal prophylaktisch verbieten. Für wie wenig heiter man das Problem Popfestivals erachtet, beweisen auch die Adressaten des Schnellbriefs: Bayerns Kreisverwaltungen und Gemeindepolizeien, Landespolizeidirektionen, die Direktion der Bayerischen Grenzpolizei und das Bayerische Landeskriminalamt. Auch beschränkte man das Verbot plötzlich nicht mehr auf die Olympischen Spiele, es gilt jetzt auf unbeschränkte Dauer.

Für seine defensive Politik nannte das Ministerium unter anderem folgende Gründe: "schwere Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" während des Würzburger Popfestivals, "obwohl umfangreiche polizeiliche Vorkehrungen und Maßnahmen getroffen worden waren"; "umfangreichen illegalen Handel und (...) Genuß von Rauschgiften an dem Veranstaltungsort"; sowie bedenkliche hygienische Verhältnisse. Mit der ihm eigenen Logik folgert der Schreiber des Schnellbriefes: "Es muß daher angenommen werden, daß Veranstaltungen dieser Art mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verbreitetem Rauschgifthandel und -genuß benützt, daß dabei insbesondere Jugendliche zum Rauschgiftgenuß verleitet werden und daß sonstige Gesundheitsgefahren und schwere Belästigungen der Allgemeinheit auftreten."

Daß Popfestivals sowohl in den USA als auch in Europa oft mit Rauschgiftgenuß, Horror-Trips und ähnlichen unangenehmen Begleiterscheinungen zu tun hatten, kann man vernünftigerweise nicht bestreiten. Daß sie aber aktiv zur Verbreitung der Rauschgift-Welle beitragen, ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Vermutung, daß Jahrmarktsveranstaltungen, Oktober- und Faschingsfeste die Zahl der Alkoholsüchtigen in die Höhe schnellen lassen. Das Festival-Verbot ist kein Mittel, diesen Mißbrauch effektiv zu bekämpfen. Statt dessen hätte das Innenministerium besser dem Gesundheitsministerium empfohlen, auf solchen Festivals Beratungsstellen einzurichten, die über die Gefahren des Rauschgiftmißbrauchs aufklären.

Aus welcher Hilflosigkeit gegenüber dem Problem einer Eindämmung der Drogenwelle dieser Erlaß geboren wurde, zeigt sich unter anderem daran, daß Dr. Stahl den Veranstaltern empfehlen möchte, in diesen Fragen möglichst eng mit dem Ministerium zusammenzuarbeiten. Mit anderen Worten: Ihre Popfestivals könnten unter Umständen erlaubt werden, falls sie von sich aus während der Veranstaltung Drogenberatungsstellen einrichten. Hier wird Veranstaltern von Musikkonzerten eine Verantwortung und eine Aufgabe zugeschoben, der sie selbst beim besten Willen nicht gewachsen sein können. Kein Festival-Organisator wird Polizeifunktion übernehmen wollen und seine "Kunden" nach Haschischpfeifchen, Joints oder harten Drogen durchsuchen. Damit würden die Popfestivals gänzlich ihres Charakters beraubt. Festivalbesucher und Rockmusik-Fans wären als potentiell Drogensüchtige diskriminiert.