Von Hermann Weber

Die 1922 erstmals veröffentlichten Briefe Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis gehören mittlerweile zu den klassischen politisch-literarischen Werken. Als die Briefe drei Jahre nach der Ermordung Rosa Luxemburgs erschienen, zerstörten sie nicht nur das von der Rechten kolportierte Bild der "blutigen Rosa"; sie ließen auch erkennen, daß die kompromißlose Politikerin und konsequente Theoretikerin eine feinfühlende, empfindsame Persönlichkeit war. Ihre 45 Jahre später publizierten Briefe an Leon Jogiches haben noch deutlicher gezeigt, wie differenziert diese große Frau gesehen werden muß. Das beweist auch der neueste Briefband

Rosa Luxemburg u. a.: "Briefe an Mathilde Jacob (1913–1918)"; hrsg. und mit einem Vorwort von Narihiko Ito; Gendaishi-Kenkyukai (Forschungskreis der Zeitgeschichte), Tokyo 1972, 248 S. (Bezug: 2-2 Kanda Jinbocho, Chiyoda-ku, Tokyo 101-91), 6200 Yen (etwa 60,– DM).

Von den insgesamt 184 Briefen stammen 154 aus der Feder Rosa Luxemburgs (die übrigen von Karl Liebknecht, Franz Mehring, Clara Zetkin und anderen Sozialisten), sie sind an Mathilde Jacob gerichtet, die Sekretärin, die während der Gefängniszeit der "gute Geist" Rosa Luxemburgs war, sie versorgte, ihre Wohnung und ihre Lieblingskatze Mimi betreute. Beinahe alle Briefe sind im Gefängnis verfaßt, der erste ist 1913, der letzte am 7. November 1918 geschrieben.

Rosa Luxemburg war im Weltkrieg fast ununterbrochen inhaftiert (Berlin-Barnimstraße, Festung Wronke und Breslau). Die Briefe vermitteln die Gefängnisatmosphäre, sind eine Beschreibung des grauen Alltags und der Wünsche einer Intellektuellen, die sich – vom Leben abgeschlossen – mit Botanik beschäftigt, Kohlmeisen und Tauben beobachtet, um die Einsamkeit zu überwinden. Wie wird ein sensibler Mensch, der zudem vor Aktivität brennt und nach eigenen Worten genügend Temperament besitzt, um eine Prärie in Brand zu stecken, mit der jahrelangen Einzelhaft fertig, welche Rezepte hatte Rosa Luxemburg, die damals mit dem Schicksal hadern konnte? Sie schrieb an Mathilde Jacob: "Vergessen Sie nie, daß das Leben, was auch kommen mag, mit Gemütsruhe und Heiterkeit zu nehmen ist."

Die Briefe bestätigen, daß sich Rosa Luxemburg bei allen Widerwärtigkeiten des Lebens im Gefängnis an diese Maxime zu halten versuchte. Nur selten klingt ein Schrei an die – immer vertrauter werdende – Freundin durch: "Schreiben Sie mir gleich eine gute Zeile, mir ist so. elend zumute" (23. April 1917); oder am 8. Juni 1917): "Mir geht es, um die Wahrheit zu sagen, ganz miserabel, ich glaube manchmal, ich werde wahnsinnig. Aber machen Sie sich nichts daraus, vielleicht überwinde. ich das wieder, wie schon so manches Mal."

Am meisten aber verließ Rosa Luxemburg die Gemütsruhe, als ihre geliebte Katze Mimi im Sommer 1917 starb und Mathilde Jacob ihr das zunächst verheimlichte. Stürmisch verlangte sie die "volle Wahrheit" über eine angebliche Krankheit zu wissen, und als sie erfuhr, daß Mimi schon vier Monate tot war, philosophierte Rosa Luxemburg: "Sie können wieder einmal sehen, daß es barmherziger ist, offen und ehrlich gleich die ganze Wahrheit zu sagen, als vor falscher Rücksichtnahme jemanden monatelang im Irrtum zu lassen." Sie kam sich "roh und herzlos" vor, weil sie Monate lang in "völliger Unkenntnis" vom traurigen Ende des Tieres gelebt hatte.