Von Adolf Metzner

In der vorolympischen Ära gab es nach den Leichtathleten jetzt auch bei den Schwimmern eine wahre Sturzflut neuer Rekorde. Während der Qualifikationskämpfe der Amerikaner in Chikago wurden nicht weniger als 13 Weltrekorde gebrochen. Überragender Star war der Amerikaner Mark Spitz, der auch über die kürzeste Distanz, die 100 Meter Kraul, seine eigene Welthöchstleistung von 51,9 auf 51,5 Sekunden verbessern konnte.

Die Frage nach der menschlichen Leistungsgrenze stellt sich bei einer solchen Leistungsexplosion fast automatisch. Gerhard Hetz, einst selbst Olympiateilnehmer und heute erfolgreicher Trainer, glaubt, daß eines Tages die 100 Meter noch in 45 Sekunden gekrault würden, Oft schon hat die Frage nach den Grenzen der Rekorde die Experten der Praxis zu zaghaften oder auch zu kühnen Vorhersagen verlockt. Diese entpuppten sich aber dann als vage Prophezeiungen im Bereich einer dunklen Futurologie. Meistens wurden die Prognosen nämlich sehr rasch von der Wirklichkeit überholt.

Durch solche Reinfälle offenbar gewitzt, nennt Hetz nun eine Grenze, die man sich heute noch gar nicht vorstellen kann. Beim 100-Meter-Sprint über die Kunststoffbahn würde seine Vorhersage einer Zeit von unter neun Sekunden entsprechen, die im Augenblick nicht im Bereich des Möglichen zu liegen scheint. Allerdings hinkt der Vergleich insofern, als beim 100-Meter-Kraulschwimmen der Anteil der aeroben Energiegewinnung, wozu der Sauerstoff aus der Atemluft notwendig ist, erheblich höher liegt als beim stürmischen Sprint auf dem Erdboden, der weitgehend mit anaerober Energie bestritten wird. Das bedeutet, im 100-Meter-Kraulschwimmen wird derWeltrekord viel stärker verbessert werden können als im 100-Meter-Lauf.

Vielleicht hat der erfahrene Schwimmer und Trainer Gerhard Hetz mit seiner Prognose doch nicht so unrecht, wie es jetzt noch den Anschein hat. Er geht nämlich von der Voraussetzung aus, daß auch mit erlaubten Tricks, wie einer neuen Gleitsubstanz oder durch den Einbau von Wellenbrecheranlagen, die Rekorde in jene utopischen Bereiche getrieben werden könnten.

Der Leistungssport wird auch immer mehr zum wissenschaftlichen Experiment mit dem Ziel, die Grenzen der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Organismus an extremen Belastungen zu testen. Schon haben dieMessungen fast wissenschaftliche Exaktheit erreicht. Noch gibt es kleinere Probleme bei den Leichtathleten, die aber schon ihrer Lösung harren. Etwa der "elektronische Starter" oder die Feststellung des genauen Zieleinlaufs, wobei man mit einer Zielkamera in Brusthöhe allein nicht auskommt, und schließlich die exakte Markierung des Aufschlags des Diskus oder eines Speeres, der nicht im Rasen stecken bleibt.

Durch die Kunststoffbahnen wird die Einwirkung der Laufbahnqualität, die bei der Asche noch erheblich war, ebenfalls stark reduziert. Schließlich werden immer öfter, wie bei einem Experiment der Wissenschaft, Außentemperatur, Luftfeuchtigkeit und vor allem Windstärke bei großen Veranstaltungen nicht nur gemessen, sondern auch zumindest für die Presse angegeben. Die Leistungen werden dadurch immer vergleichbarer. Nur das Durcheinander, daß beim Lauf elektronische Zeitnahme und Handstoppmethode immer noch gleichrangig nebeneinander stehen, obwohl sie doch um etwa 2/10 Sekunden differieren, erschwert noch den Vergleich.