Es war ein "Jahrhundertereignis". So beurteilen die Direktoren des Max-Planck-Instituts für Aeronomie (Physik der Hochatmosphäre), die Professoren Walter Dieminger und Georg Pfotzer, das, was sich am 4. August auf der Sonnenoberfläche zugetragen hat.

Der Ort, an dem sich das Ereignis abspielte, war eine recht große Gruppe von Sonnenflecken. Sie war schon am 29. Juli am Ostrand der sich um die eigene Achse drehenden Sonne aufgetaucht. In großen Fleckengruppen kommt es durchschnittlich einmal am Tag zu einer größeren und mehrmals zu kleinen Eruptionen. Bei einer Eruption blitzt es so hell auf, daß der zuvor dunkle Fleck oder die ganze Fleckengruppe überstrahlt wird, und zwar zehn Minuten bis eine Stunde lang.

Die Eruption am 4. August stellte indes alles in den Schatten, was Sonnen- oder Geophysiker bisher an diesen immer noch rätselhaften Vorgängen beobachtet und gemessen hatten. Forscher dieser Sparte müssen Frühaufsteher sein, denn als die Eruption gegen sechs Uhr begann, saßen sie allerorts schon an ihren Instrumenten. In der nordschwedischen Beobachtungsstation Kiruna wurden die dort arbeitenden Max-Planck-Forscher alarmiert, als sie starke Dämpfungserscheinungen für bestimmte Wellen feststellten. Der Aufstieg einer Ballonsonde war wegen schlechten Wetters erst ein paar Stunden später möglich und ergab eine tausendfach verstärkte Strahlungsintensität in der Stratosphäre.

Zu diesem Zeitpunkt war der Kurzwellenempfang auf der sonnenbeschienenen Erdseite bereits erheblich gestört. Verantwortlich dafür ist vor allem die kurzwellige Röntgenstrahlung, die bei einer Sonneneruption frei wird und nach einer Laufzeit von acht Minuten die Erdatmosphäre erreicht. Sie verstärkt die tiefliegende D-Schicht der Ionosphäre, die Kurzwellen dämpft (D-Schicht wie Dämpfung). Erst in höheren Ionosphärenschichten werden Kurzwellen zur Erde zurückgespiegelt. Müssen sie aber zweimal eine verstärkte D-Schicht passieren, so kann der Schwund total sein und Kurzwellenfunkverkehr unmöglich.

Das Magnetfeld schwankte

Gemeinsam mit der Röntgenstrahlung trifft von einem Eruptionsherd Ultraviolett- und Radiostrahlung auf der Erde ein. Das Ultraviolett verschluckt die Ozonschicht in der Stratosphäre. Bei der Supereruption am 4. August hatten die Physiker im Max-Planck-Institut für Radioastronomie auf dem Stocken in der Eifel schon um 6.41 Uhr die erhöhte Radiowellenstrahlung wahrgenommen. Radioastronomen nennen Sonnenausbrüche von Radiostrahlung "burst" oder – wenn sie sehr stark sind – "outburst". Auf dem zeitlichen Höhepunkt des "outburst", so ermittelten die Wissenschaftler auf dem Stockert, muß die "Sendeleistung" im Eruptionsgebiet das Zehntausendfache der Normalwerte erreicht haben.

Eine längere Reisedauer haben die bei Eruptionen ausgeworfenen Wolken elektrisch geladener Teilchen. Für den Kurvenweg von der Sonne zur Erde, der dem Wasserstrahl eines rotierenden Rasensprengers ähnlich ist, brauchen diese Gaswolken, viele Stunden. Am Abend des 4. August, zwischen 22 und 24 Uhr, erreichten die ausgeschleuderten Gase die Erde und lösten einen magnetischen Sturm aus. Bis zwei Prozent schwankte das Erdmagnetfeld.