Von Franz C. Widmer

Etwa sechstausend Briten, darunter 157 Frauen, und etwa hundert Ausländer, erhielten in diesem Sommer einen fetten Scheck. Ihr "Klub", Lloyd’s of London, hat die Bücher für das Geschäftsjahr 1969 abgeschlossen, und Chairman Sir Henry Mance konnte bekanntgeben, daß die mageren Versicherungszeiten endlich vorbei sind.

Doch neue Probleme – Großbritanniens Beitritt zur EWG – stehen den City-Gentlemen bevor. Bleibt im europäischen Versicherungswesen für Lloyd’s ein Platz frei? Oder wie Reiner Schmidt von der Aachener und Münchner Versicherungs-AG in der "Times" zitiert wird: Ist Lloyd’s gemäß den Verträgen von Rom überhaupt eine Gesellschaft? Können die Briten ihren Zwei-Milliarden-Pfund-Markt (rund 15 Milliarden Mark) in den USA behalten und dennoch auf den Versicherungsmarkt des Kontinents vordringen?

Für gewöhnliche Londoner Versicherungskonzerne gebe es nichts zu fürchten, meint Edward Gumbel, Mitglied im EWG-Ausschuß von Lloyd’s. Doch Lloyd’s selbst sei eben keine Gesellschaft, sondern eine Anomalie – eine Institution, die es sonst nirgends mehr gibt. Lloyd’s ist eigentlich nur ein Ort, wo sich Leute treffen, um Verträge abzuschließen: Man kann sich bei Lloyd’s, aber nicht von Lloyd’s versichern lassen.

In seinen Ursprüngen, im Jahre 1688, war Lloyd’s ein ganz gewöhnliches Kaffeehaus am Ufer der Themse, wo Kaufleute im Nebengeschäft, sei es während des Tages oder nach Feierabend, das Risiko einer Schiffsreise oder auch nur einen Teil davon übernahmen. Immer mehr Kaufleute und Schiffsbesitzer trafen sich fortan bei Edward Lloyd. Das Geschäft wuchs sprunghaft, und das Kaffeehaus wurde bald zu klein.

Nachdem man größere Räumlichkeiten gefunden hatte, begannen die Kaufleute sich zu organisieren. Und jene Aufgaben, welche zur Gründerzeit von Edward Lloyd persönlich ausgeführt worden waren, übernahm nach einem Parlamentserlaß von 1871 die Corporation of Lloyd’s – eine Art Geschäftsausschuß der einzelnen Mitglieder –, die den Verwaltungsapparat stellt und die Institution nach außen vertritt.

Gehandelt aber wird auch heute noch nach dem alten Kaffeehausprinzip. In der reinen Form der Versicherung auf Gegenseitigkeit zeichnen (englisch to underwrite) Privatleute Risiken, welche ihnen von Assekureanzmaklern angeboten werden. Lloyd’s – der berühmte Room mit der Lutine Bell, die bei jedem Schiffsunglück geläutet wird – ist eine Art Versicherungsbörse.