Von Marcel Reich-Ranicki

Der jetzt neunundfünfzigjährige Stefan Heym, den einst das Kriegsbuch "Bitterer Lorbeer" international bekanntgemacht hat, gehört zu jenen DDR-Autoren, die sich über mangelndes Echo im Westen nicht zu beklagen brauchen. Aber obwohl sein Werk zum großen Teil aus Romanen und Geschichten besteht, wird die Frage nach der Qualität dieser Prosa in der Regel ausgespart. Heym hat mittlerweile den Ruf einer eher politischen als literarischen Figur.

Das aber ist doch wohl nicht ganz gerecht. Denn er hat sich als ein nicht nur scharfsinniger und sarkastischer, sondern auch phantasievollanschaulicher Erzähler erwiesen, der bisweilen – so in einigen sorgfältig und fast raffiniert komponierten Geschichten des Bandes "Licht und Schatten" (1960) – für heikle und wichtige aktuelle Themen einen einprägsamen und durchaus adäquaten literarischen Ausdruck zu liefern vermochte.

Andererseits hat Heym niemals verheimlicht, daß ihn vor allem Politisches interessiert und daß ihm an der Kunst nur wenig, hingegen an dem, was man Breitenwirkung nennt, sehr viel gelegen ist. Im Grunde verwendet er die epische Form lediglich als Verpackung und Vehikel für zeitkritische Befunde und polemisch gemeinte Diagnosen. Dabei operiert er ziemlich forsch auch mit kunstgewerblichen und etwas groben Mitteln und kennt, scheint es, keine Bedenken, seine Bücher hier und da in die Nähe der Kolportage geraten zu lassen.

Das kann nicht jedermanns Geschmack sein. Nur sollte man sich hüten, einer solchen Prosa, die militanten und aufklärerischen Intentionen auf sehr direkte und gleichwohl unterhaltsame Weise dienen will, die Daseinsberechtigung innerhalb der Literatur abzusprechen. Auch im Fall Heym wäre es ein Mißverständnis, auf strenge ästhetische Kriterien pochen zu wollen.

Das gilt erst recht für seine im letzten Jahrzehnt geschriebenen erzählenden Werke. Sie spielen alle in ferner Vergangenheit, doch geht es natürlich immer und ausschließlich um die unmittelbare Gegenwart. Aber der sich aufdrängenden Frage, ob denn der historische Roman heute noch einen Sinn habe, entziehen diese Bücher schon deshalb den Boden, weil der DDR-Autor Heym offensichtlich über keine andere Möglichkeit verfügt, zu sagen, was er sagen will.

Mit anderen Worten: Er aktualisiert nicht die Historie, vielmehr behilft er sich, um Aktuelles an den Mann bringen zu können, mit historischen Figuren und Motiven. Nach Daniel Defoe, der im Mittelpunkt seiner Erzählung "Die Schmähschrift" (1970) stand, ist nun Biblisches an der Reihe –

Stefan Heym: "Der König David Bericht", Roman; Kindler Verlag, München; 262 S., 29,80 DM.

König Salomo benötigt "einen autoritativen, alle Abweichungen ausschließenden Bericht über das Leben, die großen Werke und heroischen Taten" seines Vaters, des Königs David, der damals offenbar einen ziemlich üblen Leumund hatte. Die in Auftrag gegebene Schrift soll "allem Widerspruch und Streit ein Ende setzen".

Daß der meist mit der so dekorativen Harfe abgebildete König David keineswegs nur ein Freund der holden Sangeskunst war, sondern auch ein recht skrupelloser und vor grausamen Verbrechen nicht zurückschreckender Machtpolitiker, kann eine Neuentdeckung bloß für die sein, denen die Bibel bisher entgangen ist.

Denn die jüdischen Schreiber, die für das Sammelwerk arbeiteten, das später "Das Alte Testament" genannt wurde, waren nicht die schlechtesten Literaten; und so dachten sie nicht daran, die Juden zu schonen – weder das Volk noch seine Könige. Nicht zuletzt deshalb sind viele Texte dieser erfolgreichsten Anthologie der Weltliteratur noch heute lesbar – darunter gerade die über die zahlreichen Missetaten des musikalischen Tyrannen David.

Was hierüber die Bücher Samuel knapp und klar mitteilen, wird von Heym ausgeschmückt und ergänzt, motiviert und interpretiert. Bald ähnelt der biblische Monarch verschiedenen modernen Diktatoren. Wenn ich mich nicht ganz irre, ist es vor allem Stalin, der hier als Modell benutzt wurde.

Aber in Wirklichkeit geht es dem DDR-Autor nur in zweiter Linie um Stalin und seinesgleichen. Weniger eindeutige Gestalten sind es, die ihn faszinieren, Delikateres hat er im Sinn. Wichtiger nämlich als König David ist in dieser Geschichte derjenige, der das Material über ihn sammelt und den Bericht entwirft: Ethan ben Hoshaja, ein Historiker.

Er hat "eine Schwäche für die Wahrheit", er ist ein wissensdurstiger Mann, er forscht mit detektivischem Spürsinn. Indes erwartet König Salomo, daß in dem Report "die erbaulichen Aspekte des Lebens" betont werden. "Unsre Aufgabe ist es", sagt ein Mitglied der von ihm berufenen Kommission, "die Größe unsres Zeitalters zu widerspiegeln, indem wir einen glücklichen Mittelweg wählen zwischen dem, was ist, und dem, was die Menschen glauben sollen,

Es komme darauf an, die historischen Geschehnisse "mit Diskretion" darzustellen, diese aber sei "Wahrheit gezügelt durch Weisheit". Die "völlige Verdrehung der Tatsachen ist unerwünscht, denn "sie narrt nur völlige Narren und macht das ganze Buch unglaubhaft". Dem weisen Salomo hingegen ist es lieber, wenn die Kommission "die Wahrheit, wo sie gebeugt werden muß, nur geringfügig beugte, und überhaupt auf subtilere Art vorginge, damit das Volk auch glaubt, was geschrieben steht".

Kurzum: Nicht die Abrechnung mit dem Stalinismus schlechthin steht hier im Vordergrund, sondern die Auseinandersetzung mit den Propagandamethoden, mit dem sozialistischen Realismus. Und daß es Heym dabei weniger um jenen der dreißiger und vierziger Jahre geht als vielmehr um Praktiken, die in der kommunistischen Welt immer noch üblich sind, zeigt der Schluß seines Romans. Der patriotisch gesonnene Historiker Ethan ben Hoshaja, der freilich zuviel erfahren hat, wird zum Tode verurteilt; da aber sein leiblicher Tod "übelmeinenden Menschen Anlaß geben könnte zu der Behauptung, der Weiseste der Könige, Salomo, unterdrücke Gedanken, verfolge Schriftgelehrte, und so fort", soll der Angeklagte "zu Tode geschwiegen werden; keines seiner Worte soll das Ohr des Volkes erreichen ..."

Stefan Heym zielt also auf die Lage heutiger Schriftsteller ab – von Solschenizyn bis Wolf Biermann, ihn selber, den Autor des Romans "Der König David Bericht", nicht ausgeschlossen. Von Anspielungen kann hier kaum die Rede sein, alles wird, ungeachtet des historischen Kostüms, sehr direkt und deutlich, oft allzu deutlich dargelegt. Um ja nicht mißverstanden zu werden, verwendet er häufig, auch inmitten biblisch getönter Kadenzen, Vokabeln wie etwa "Abweichung" und "Gruppenbildung", "Unterwanderung" und "Wühlarbeit", "Personenkult" und "literarischer Hochverrat".

Wo Heym auf Hochdramatisches aus ist und mit großen Bögen und feierlichen Akkorden zu arbeiten versucht, wirkt sein Buch eher peinlich. Doch wo er sich auf augenzwinkernden Witz und bittere Ironie verläßt – und das gilt für beträchtliche Teile des Ganzen –, ist sein King-David-Report lesenswert und auf makabre Weise amüsant. Der Erzähler Heym bewährt sich, wo bei seinem Roman, sagen wir, nicht Bach, sondern Offenbach Pate gestanden hat.

Übrigens: Ist es nicht leichtsinnig, hier über den eigentlichen politischen Inhalt dieses Buches so offen zu reden, da es doch, nicht zufällig, nur im Westen erscheinen durfte? Wird nicht damit, was keiner möchte, dem in der DDR lebenden Autor eventuell geschadet?

Solche Fragen hört man in der Tat oft. Aber wer dies befürchtet, muß die Kulturpolitiker der SED für schwachsinnig halten. Sie wären und sind es nicht. Ich kann die ängstlichen Freunde der DDR-Autoren beruhigen: Was wir aus ihren Büchern herauslesen, wird von den in Ostberlin für die einheimische Literatur zuständigen Damen und Herren erst recht verstanden. Man braucht sie nicht vom Westen aus darüber aufzuklären, Was Heym geschrieben hat: Sie wissen es schon.

Spöttisch ist in seinem pseudobiblischen Roman von "behördlich zugelassenen Erzählern von Geschichten und Legenden die Rede. Heym, Nationalpreisträger der DDR, gehört ebenfalls zu den "behördlich zugelassenen" Schriftstellern, nur daß ihm, seit er Mitte der sechziger Jahre gegen die Reglementierung der Literatur in den Ostblockländern protestiert hat, die Konzession lediglich für das Ausland bewilligt wird.

Wie man sieht, konnte es sich die DDR noch nicht leisten, Heyms Offenbachiade zu veröffentlichen. Doch kann sie es sich immerhin schon leisten, ein Buch dieser Art für den Westen freizugeben – und das ist nicht weniger bemerkenswert. Und auch erfreulich.