Von Joachim Nawrocki

Berlin im August

Ich war vielleicht ein Idiot, Leute. Das letzte, was ich merkte, war, daß es schwarz wurde und daß ich mit der Hand nicht mehr von dem Knopf loskam." Der das erzählt, heißt Edgar Wibeau, ist siebzehn Jahre alt und bei der Erfindung eines nebellosen Farbspritzgerätes an Stromschlag gestorben. Zur Zeit steht er auf den Bühnen der DDR und interpretiert nachträglich sein kurzes Leben: Wie er aus seiner Heimatstadt verschwand, weil es ihm lästig geworden war, seiner Mutter – die einen Betrieb leitet – niemals weh tun zu wollen; wie er ein Mädchen kennenlernte, das schon einen Freund hatte und das er Charlie nannte, weil ihn seine Situation ein wenig an Werthers Leiden mit Charlotte erinnerte. Nicht daß er belesen war: "Werthers Leiden" hatte er als Reklameheft auf dem Klo der Laube gefunden, in der er untergekrochen war.

"Die neuen Leiden des jungen W." heißt das Stück von Ulrich Plenzdorf, das zuerst als Filmerzählung in der Literaturzeitschrift Sinn und Form erschienen war, und der junge Wibeau hat, als er das Reclamheft findet, anfangs gar nichts für den Werther übrig: "Wirklich leid tat mir bloß die Frau, jetzt saß sie mit ihrem Mann da, diesem Kissenpuper. Wenigstens daran hätte Werth er denken müssen." Zum Schluß, als ihn der Schlag trifft, hätte er sich zwar auch noch nicht freiwillig "an den nächsten Haken gehängt", aber er ist doch "fast so weit, daß ich Old-Werther verstand, wenn er nicht weiterkonnte".

Im übrigen dient der Werther dem jungen Wibeau dazu, seine Umwelt mit eingelernten Sprüchen zu verblüffen. Seinem Freund übermittelt er – nicht per Brief, sondern auf Tonband natürlich –: "Genug, Wilhelm. Der Bräutigam ist da! Glücklicherweise war ich nicht bei dem Empfange, das hätte mir das Herz zerrissen." Und seinen Kollegen von der Malerbrigade, die sich beim Experiment mit dem Spritzgerät über und über mit gelber Farbe bekleckert haben, sagt er: "Es ist ein einförmig Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von der Freiheit bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel suchen, ums loszuwerden."

Natürlich weiß niemand, woher die Sprüche stammen, die Edgar Wibeau losläßt. Die einen glauben, er habe zuviel in der Bibel gelesen, sein Freund Willi fragt nach dem Code, der ihm die Tonbandnachrichten verständlich machen könne, und die Kollegen von der Brigade halten ihn für den Clown der Truppe.

Ein intelligenter, sensibler, ausgeflippter Junge, wie es so viele in der DDR gibt: Das ist das Exemplarische an diesem Stück. In der DDR wird es jetzt mit der Frage diskutiert, ob denn von Eltern und Erziehern genügend getan werde, um den heranwachsenden Jugendlichen bei ihren Problemen zu helfen, ob nicht diejenigen, die als aufsässig gelten, für Rowdys gehalten werden und nicht selten sogar ins Gefängnis kommen, im Grunde doch wertvolle Menschen seien, für die man nur zu wenig Verständnis gehabt habe.