"Der plebejische Intellektuelle", von Gerhard Zwerenz. "Nichts ist sicher, das Instrumentarium der Skepsis ist das einzige, auf das wir uns verlassen können, das Engagement ist keine bloße Adaption, ist weder Anpassung noch Dogma, ist nichts, das auf alle Ewigkeiten feststeht." Eine Einübung in diese intellektuelle Partisanenexistenz, die nur ängstliche Parteigänger für subversiv oder opportunistisch halten, ist Gerhard Zwerenz’ Essaybändchen. Der bürgerliche Humanismus sei hin, der marxistische ebenfalls, glaubwürdig und kritisch allein sei noch der Humanismus auf eigene Faust, den auszuüben ein ganz neuer Typ des Intellektuellen her müsse: der plebejische Intellektuelle. Er schminkt sich nicht gesellschaftskritisch, er engagiert sich, aber läßt sich nicht engagieren, er leistet Widerstand nicht am Bestehenden vorbei, sondern "eingedenk der Kräfteverhältnisse"; er ist sowohl intelligent als auch verletzbar genug, seine Abhängigkeiten zu erkennen und sich nicht großmäulig über sie hinwegzusetzen: "Man entrinnt nicht mit einemmal der bürgerlichen Moral." Ja, und ein wenig hat er auch resigniert, wenn er sich angesichts der realen Situation, der er sich verpflichtet fühlt, eingesteht: "Man hat nicht mehr zwischen Revolution und Reform zu entscheiden, sondern zwischen Reform und gar nichts." Darf man also händereibend feststellen, Zwerenz sei endlich zur "Vernunft" gekommen und habe seinen Frieden mit dem Bürgertum gemacht? "Vom Bürgertum" – eine weitere Eigenschaft des plebejischen Intellektuellen – "braucht er sich nicht zu distanzieren. Er ist selbst die Distanz dazu." So wird Zwerenz denn auch nicht zum ideologisch-dogmatischen Scharfrichter, wenn er Gottfried Benns Haltung zum Nationalsozialismus ("Gottfried Benn und der nachgeholte Widerstand") und Bertolt Brechts listenreiches Arrangement mit den Pankower Großkopfeten ("Brecht und die Korruption") analysiert. Allein in dem ZEIT-Lesern bekannten Vietnam-Essay ("Vietnam. Der Untergang der deutschen Presse") läßt Zwerenz alle gelobte Selbstbescheidung, dahinfahren, ergeht er sich in abenteuerlichen Analogien zwischen den USA und dem Dritten Reich und fällt der ohnmächtigen Flugblattwut anheim: "Das Kapital lebt von der Vernichtung der Völker." Diese Anfälle indes bestätigen eher die Selbstbescheidung des plebejischen Intellektuellen, statt sie zu widerlegen. Denn nur wer an seiner eigenen Geduldigkeit leidet, kann so rasend poltern und dann, keineswegs kleinmütig, sondern mit trotziger Trauer in der Stimme zugeben, es sei "verdammt leicht, dieser oder jener Fahne nachzulaufen", es komme jedoch darauf an, "genau auf des Messers Schneide zu verhalten, scharf zwischen den Abgründen links wie rechts." (Reihe Fischer 26, S. Fischer Verlag, Frankfurt; 97 S., 6,– DM.)

Christian Schultz-Gerstein

"Der elfte Finger", erotische Kriminalgeschichten von Walter Serner. Verschiedene"Trucs" gelungener Verführung, "eine der schönst aufgeholten, seltenst balancierten Erpressungskomödien", der andern in die Schuhe geschobene Mord am Marquese de Brignole-Sale – ob das Blut nun beim Liebesbiß fließt oder, einfach profithalber, der Unterschied ist nur graduell. Denn die Welt dieser snobbish erzählten, mit hochstaplerischen Vokabular-Preziosen und Bodensatz-Idiomen versetzten, wendungsreich pointierten "Geschichten" ist so böse wie ihr Personal. Erpresser, Zuhälter, Spitzel, Dirnen, Betrüger und Mörder liefern sich und der Gesellschaft einen Kampf aufs Messer, in dem der Erfolg alles, der Rausch viel und der Luxus eines "höheren" Gefühls den fast sicheren Ruin bedeuten. Die einzig gültige Moral ist die des Verratens oder Verkauftwerdens, und so gerät die bös-witzige Kruditätenhäufung mitunter zur zynischen Outrierung gängiger Geschäftsprinzipien. Gedacht als Apologie der skrupellosen Elastizität, als ins Dadaistisch-Groteske umschlagender Gegenentwurf zur verquollengefühligen Drapierung vitalster Interessen, erscheinen Serners Erzählungen jetzt, rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung, als wenig provokativ, nunmehr eine Sache für "Connaisseurs". Und das widerspricht nicht einmal ihrer Tendenz: Die forcierte Lust an artistisch gehandhabter Unmoral, an der Mehrdeutigkeit und der "Finte" trägt deutlich kulinarische Züge. Einer von Serners anarchoiden Voyeuren rechtfertigt das "Leben", wie es auch der Autor goutiert und darstellt: "... immer wieder neue aufreizende Situationen, Banalitäten, Frivolitäten, Brutalitäten, Bizarrerien, Bluffs und so weiter Darf man den Chronisten glauben, verschwand Serner 1927 spurlos, nachdem er es zu einer siebenbändigen Gesamtauflage seiner Werke gebracht hatte. (Verlag Rogner & Bernhard, München; 308 S., 15,– DM.)

Rainer Zimmer.

"Da aber staunte Herodot", von Werner Keller. Der Autor verkauft seit langem solide Sachbücher mit psalmodierenden Titeln ("Und die Bibel hat doch recht", "Denn sie entzündeten das Licht") und mit überwältigendem Bestseller-Erfolg. Auch diesmal klingt der Titel wieder, als stamme er aus der Bibel oder aus dem Büchner. Aber er ist reine Keller-Prägung und meint die zahllosen Anekdoten und Kuriosa, die der erste große Historiker der Griechen kunterbunt in seinen Geschichts- und Länderbericht hineingemischt hat. Herodot kam von Ägypten bis Babylonien freilich aus dem Staunen nicht heraus, aber er erzählt auf eine plane, sympathisch nüchterne Weise seine Wundermären, kein Aufschneider, sondern ein weitgereister Fachmann; von Staunen keine Spur. Keller hat es sich diesmal leichter gemacht: er bietet Herodot selbst, Texte, zu denen er bestätigende, ergänzende und "Hier irrt Herodot"-Kommentare fügt, überschreibt das Ganze mit "merkwürdige und gruselige, wunderbare und komische Stories" und teilt es im einzelnen in Erotica, Grusicals, Träume und Wahrzeichen, aber auch Pioniertaten und Wunder der Technik ein. Man müßte dieses "Aus Alt mach Neu" loben, wenn nicht zu viele Konzessionen an den breiten Publikumsgeschmack gemacht würden. Schade ist es zum Beispiel, wenn die große Historie fällt und nur die Histörchen übrigbleiben: "Von Hippias, der beim Niesen vor der Marathonschlacht einen Zahn verlor..." Schade ist es, wenn die Übersetzung, im allgemeinen auf einer mittleren Ebene zwischen dem Altväterischen und dem Aktuellen, zuweilen ins Vulgäre oder Burschikose fällt: "Wie es kam, daß Pharao Amasis nach längerer Impotenz plötzlich wieder konnte..." Jammerschade, daß die Zeichnungen des Kinderbuch-Illustrators Kohlsaat eine Antike aus drallen Ägyptermädchen und babylonischen Bart-Bösewichtern stricheln, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Geist und Buchstaben des Vaters der Geschichte zu tun hat. (Verlag Droemer Knaur, München; 399 S., Abb., 25,– DM.) Werner Ross

"Das Lieblingsspiel", Roman von Leonhard Cohen. Nach fast zehn Jahren erscheint Leonhard Cohens erster Roman in Deutschland – zu spät, wie sich herausstellt, aber das aus verständlichen Gründen. Denn er ist entschieden das schwächste seiner Bücher (fünf Gedichtbände, zwei Romane), von denen der März Verlag dem "Lieblingsspiel" bereits zwei bessere vorgezogen hatte: 1970 den Roman "Schöne Verlierer" und 1971 den Gedichtband "Blumen für Hitler". "Das Lieblingsspiel" (allem Anschein nach die sich variantenreich ausdrückende Liebe) dreht sich um Lawrence Breavman, den einzigen Sohn wohlhabender jüdischer Eltern in Montreal, dessen Jugend der Cohens sehr verbunden ist. Weshalb man ihrem Verlauf auch etwas mehr Interesse widmet, als man ohne Verdacht auf Autobiographie zustande kriegte. Der Roman beschreibt Montreal und Breavmans Suche nach der Liebe, die ihn aber, als er sie findet, auch nicht befriedigt: "Gott, war sie schön. Warum sollte er nicht bei ihr bleiben? Warum sollte er nicht ein Bürger mit einer Frau und einem Beruf werden? Warum sollte er sich nicht mit der Welt vereinigen? Die Schönheit, die er als Erholung zwischen den Einsamkeiten eingeplant hatte, führte ihn nun dahin, die alten Fragen nach der Verlassenheit neu zu stellen." Und er mußte "mit sich allein sein". Sinnlichkeit und Einsamkeit sind Schlüsselbegriffe. Es wirkt leicht abgestanden heute. "Ich bin kein Schriftsteller", sagte der als Autor und Pop-Sänger schon fast unbegreiflich sensationell erfolgreiche Leonhard Cohen, "Schreiben ist die Asche der Erfahrung." Sie verkauft sich zumindest in Amerika ungeheuer gut, und in den "Schönen Verlierern" hatte sie auch eine Form angenommen, die Cohens Understatement Lügen straft. (März Verlag, Frankfurt; 302 S., 18,– DM.) Christel Buschmann