Verbraucherverband wirft den deutschen Molkereien Verschwendungssucht vor

Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AGV) nutzte die Gunst der Bonner Nachrichtenflaute und enthüllte einen neuen Milchskandal: 400 bis 800 Millionen Mark Steuergeld seien sinnlos verpulvert worden. Seit Jahren erhält die deutsche Molkereiwirtschaft für ihre Strukturmaßnahmen erhebliche staatliche Zuschüsse, die nach Meinung der AGV nun zu erheblichen und inzwischen brachliegenden Überkapazitäten führten.

Der Agrarexperte der AGV, Thomas Schlier, durchleuchtete die Investitionspraktiken der Molkereiwirtschaft und fand: "Unzureichende Vergabe-Richtlinien, lückenhafte Wirtschaftsberechnungen und mangelhafte Kontrolle haben in diesem Bereich zu einer ungesunden Konzentration und zu Kapitalfehlleitungen in kaum schätzbarem Umfang geführt. Die Kosten dafür haben nicht nur Verbraucher und Steuerzahler, sondern auch die Landwirte zu tragen."

Der leichtfertige Umgang mit Steuergeldern hat Schlier zufolge Molkereien entstehen lassen, die schon in Kürze wieder stillgelegt werden müssen. Schlier nennt die 25-Millionen-Molkerei in Mellendorf bei Hannover, ein Schnittkäsewerk in der Eifel, das 1968 fertiggestellt wurde und nur zehn Prozent seiner Kapazität ausnutzt. Eine Molkerei in Waldbröl sei drei Jahre nach der Fertigstellung liquidiert worden. Das gleiche Schicksal ereilte ein großes Milchwerk in Kall (Eifel). Die Südmilch AG plane gar die Stilllegung großer Kapazitäten in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd, um ein neues Werk außerhalb Stuttgarts zu errichten, obwohl die alten Projekte zum Teil noch nicht abgewickelt sind.

Obgleich die Bundeszuschüsse an die Molkereiwirtschaft auch zur Rationalisierung dienen sollten, sei die Zahl der Beschäftigten in den Molkereien bei unveränderten Umsatzmengen nicht etwa gesunken, sondern sogar leicht angestiegen. Trotz des hohen Automationsgrades werde angesichts solcher Mißstände "das Negative der hier praktizierten Planwirtschaft vollends deutlich", meint Schlier.

Ausgelöst wurde die AGV-Enthüllung durch einen Kreis jüngerer Wissenschaftler der Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel. Die Wissenschafts-Junioren erstellten ein Gutachten, in dem sie die Mißstände der Molkereiwirtschaft anprangerten und eine neutrale Untersuchung verlangten. Nach den Untersuchungen der Kieler wurden bis 1971 öffentliche Gelder (Bund, Länder und EWG) in Höhe von 1,2 bis 1,3 Milliarden Mark an die Molkereiwirtschaft vergeben. Thomas Schlier: "Ein Drittel hätte man mindestens sparen können."

Bei der Raiffeisen-Organisation, die im Molkereigeschäft engagiert ist, reagierte man auf die Vorwürfe heftig. Die Attacken seien "durch nichts zu belegende Behauptungen". Es stimme nicht, daß man die Werke Mellendorf und Stuttgart stillegen wolle.