Kein Rundfunkintendant hat verhindert, daß sich die werbetreibende Wirtschaft in ihren Fernsehspots direkt an Kinder wendet und für den Konsum agitiert; noch immer herrscht beim ZDF das zynische Mißverständnis, die besten Kinderprogramme seien "Flipper", "Lassie" und ähnliche Trivialserien; und noch immer machen sich die Fernsehleute beider Kanäle nichts daraus, daß sich die Millionenschar der Zuschauer beim Sonntagnachmittag-Western zu einem Drittel aus Kindern zusammensetzt.

Kritik am Kinderfernsehen – da gibt es Ansatzpunkte genug. Günter Herburger hat leider nicht einen davon genannt; er hat nur in Bausch und Bogen verdammt. Ich will ihm nicht nur vorhalten, daß er Serien in die Zeit nach der "Tagesschau" verlegt, die vor der "Tagesschau" laufen, daß er als Autor fürs Kinderfernsehen zu teuer ist (weil – und das hätte er ja kritisieren können – die Bezahlung oft zu gering ist), daß er für Kinder gemachte und von Kindern gesehene Sendungen in einen Topf wirft – so, als rechne man der Gesellschaft in einem Atemzug vor, daß sie autoritäre Kindergärten duldet und Autobahnen, die zu betreten für Kinder lebensgefährlich ist.

Viel ärger: Er verdammt das Fernsehen wider besseres Wissen. Vor vier Jahren wäre die rhetorische Frage vielleicht angebracht gewesen, "wieso Kinder bei diesen Bedingungen überhaupt überleben". Heute sollte jeder wissen, daß sich die Rundfunkanstalten für Kinder mehr engagieren denn je. Drei dritte Programme strahlen das Kinderprogramm zu einer Zeit aus, in der die Kinder im Hauptprogramm einen Werbespot nach dem anderen über sich ergehen lassen müssen, um zu so dürftigen Freuden wie Sand- oder Mainzelmann zu kommen.

Im bayrischen und hessischen dritten Programm gibt es schon abendliches Kinderfernsehen, im westdeutschen ist es geplant. Mit sechzig Folgen sind die "Lach- und Sachgeschichten" an den Start gegangen, für Kinder im Vorschulalter laufen große Projekte an, wie "Sesam Straße" (NDR), "Rappelkiste" und "Kli-kla-klawitter" (beide ZDF). Bei der ARD hat man jetzt das Kinderprogramm von der ungünstigen 16-Uhr-Leiste, dem Lebensrhythmus der Kinder entgegenkommend, auf 17 Uhr verlegt. Mit "Pan Tau" hat der WDR-Redakteur Gerd Müntefering begonnen, die Vorteile internationaler Ko-Produktion auch für das Kinderprogramm nutzbar zu machen – nur Günter Herburger vergleicht ohne Unterschied "Pan Tau" und die Bullerbü-Kinder mit Western-Serien-Ramsch wie "Shiloh Ranch" oder "Big Valley".

Überhaupt, wo bleibt bei Herburger die Feststellung, daß es bei der ARD Kinderredaktionen gibt, die beim ZDF erst eingerichtet werden; daß die Mainzer Fernsehleute die Interessen ihrer jüngsten Zuschauer viel bedenkenloser aufs Spiel setzen?

Statt dessen nicht nur der alte abgeschmackte Kulturpessimismus gegen das neue, aber böse Medium ("Kaum noch wird gelesen, nur noch ferngesehen.") – nein, sogar eine Alleinschuld des Fernsehens erkennt Herburger: "das Fernsehen als bedenkenlose Amme"; als könne "das" Fernsehen etwas daran ändern, daß viele Eltern ihre Kinder dem "Kommissar" und sogar freitags von 21.30 Uhr an dem "FBI" überlassen.

Als könnten die Fernsehmacher etwas daran ändern, daß immer noch Wohnungen existieren, in denen Kinder im Wohnzimmer schlafen und so bis Programmschluß fernsehen müssen. Als sei das Massenmedium an seinem Einwegcharakter schuld und verantwortlich für sein Hauptmanko, nämlich Kindern nur etwas vor-, sie aber nicht mitspielen lassen zu können.