Wir lesen es, seit geraumer Zeit, wöchentlich mindestens einmal im "Spiegel" und täglich in irgendeiner Zeitung: das Wort "nobel", beziehungsweise eine zum Substantiv emporgeadelte Version des ehemaligen Adjektivs, die immer neue Reize aus immer neuen Verkoppelungen mit anderen Substantiven bezieht. Es gibt, so wissen wir inzwischen, Nobel-Absteigen, Nobel-Boutiquen, Nobel-Kneipen, Nobel-Wohnquartiere und Nobel-Ferienorte. Und wir haben auch gelernt, zwischen diesen Nobel-Zeilen zu lesen und zu registrieren, daß die Autoren, die da so wortschöpferisch tätig sind, mit feiner Ironie darauf hinweisen wollen, daß es in diesen Absteigen, Boutiquen, Kneipen, Wohnquartieren und Ferienorten gar nicht so nobel zugeht, daß da vielmehr Möchtegern-Nobilitäten (zu denen, o Pikanterie, zuweilen auch leibhaftige Prinzen und Baronessen gehören) ihr unedles, verschwendensches Wesen treiben.

Für unsere Fähigkeit, Sprache zu verplempern und Begriffe zu pervertieren, hat Karl Kraus einmal ein schönes, trauriges Beispiel durchdekliniert: "Wir sagen ‚Geliebte‘ und sehen die Höhe des Pathos nicht mehr, aus der dies Wort in die Niederungen der Ironie gelangt ist, tief unter die geadelte Mittellage der Ungeliebten. Der Sprachgeist will’s, daß die Geliebte eine Gefallene sei. Aber wenn Frauen, die geliebt werden, Gestiegene’ hießen, unsere Kultur würde auch bald diesen Namen mit der Klammer des Hohns umfangen."

Die "Klammer des Hohns", das scheint ein wenig zu hoch gegriffen für die Absichten jener emanzipierten Hofberichterstatter, denen wir die Nobel-Hausse verdanken. Sie haben sich nur, vom Mut eines mittelmäßigen Leichenfledderers beseelt, die Agonie eines Wortes zunutze gemacht, das in seiner einen Bedeutung ("adlig" von Geburt) obsolet geworden und in seiner anderen ("vornehm" von Gesinnung) außer Kurs gekommen ist. Dabei hat der Geburts-Adel es noch verhältnismäßig gut: als Vorstandsmitglieder oder PR-Leute prominenter Firmen sind Grafen immer noch gefragt. In welcher Stellenanzeige aber werden heute schon noch Menschen gesucht, deren Eigenschaften sich summieren ließen in dem, was Hofmannsthal "Tenue" nannte? "Now cracks a noble heart", sagt Horatio, als das Gift in Hamlets Blut seine Wirkung tut, und meinte damit etwas anderes als: "Nobel-Herz zerbirst."

Petra Kipphoff