Die Parallelen zu den Geschehnissen im Vorfeld der letzten Olympischen Sommerspiele sind offenkundig. Was Südafrika für Mexiko war, ist Rhodesien für München. In beiden Ländern werden die im Artikel 1 der olympischen Satzungen niedergelegten fundamentalen Prinzipien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verletzt: "Kein Land und keine Person darf aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen diskriminiert werden." Der einzige Unterschied zwischen beiden Lindern besteht darin, daß in Südafrika von Gesetz wegen diskriminiert wird, während es in Riodesien unter der Hand geschieht. Wer sich – wie das IOC – anspruchsvolle Satzungen gibt, muß ihnen auch gerecht zu werden versuchen. Desinteresse oder Bequemlichkeit sind schlechte Voraussetzungen zur Lösung der Probleme.

Die Arroganz, mit der das einflußreiche IOC-Mitglied Marquess of Exeter seit Jahren die Notlage der farbigen rhodesischen Bevölkerung interpretiert und in IOC-Kreisen mit Erfolg für eine regime-freundliche Haltung wirbt, wird nur noch übertroffen durch die Unkenntnis anderer einflußreicher Sportfunktionäre. Die Besserwisser, die für jedes Problem eine fertige Lösung aus der Schublade ziehen, sollten sich einmal mit schwarzen rhodesischen Sportlern unterhalten, bevor sie in der Öffentlichkeit leichtfertige (Vor-) Urteile abgeben. Wenn sie sich schon nicht am Ort informieren wollen oder können, dann genügt zur Not auch aufmerksames Zeitungsstudium.

Der soeben von einem zweijährigen Rhodesienaufenthalt zurückgekehrte Journalist Charles Catchpole berichtet in der neuesten Ausgabe des renommierten englischen Magazins "World Sports" über seine Erfahrung. Er schreibt unter anderem: "Jeder Besucher, der die Zeit und das Bedürfnis hat, unter die Oberfläche zu schauen, wird die verschiedenen Sportzweige von Diskriminierung durchlöchert finden."

Das Internationale Olympische Komitee legte im September .1972 in Luxemburg den Grundstein für das Rhodesien-Problem, als es dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) Rhodesiens, das sich völlig in der Hand der Regierung Smith befindet, mit der Teilnahmeerlaubnis für München coram publica saubere Verhältnisse im Sportbetrieb des Landes attestierte. Dabei berief man sich auf Untersuchungen früherer Jahre, vor allem auf die des Internationalen Leichtathletikverbandes (I.A.A.F.) unter Marquess of Exeter, der zu den Ergebnissen kam: Es gibt keine Diskriminierung. Nicht-weiße Sportkreise in Salisbury erinnern sich mit Bitterkeit an die Kommission der I.A.A.F., die zu keiner Zeit eine Gelegenheit zu einem unbeobachteten Meinungsaustausch mit den Afrikanern fand.

Auf der Ebene Olympischer Spiele – und das ist das große Dilemma des IOC – lassen sich sportliche und politische Entscheidungen nicht trennen. Die Anerkennung des rhodesischen Sports durch das IOC bedeutete automatisch eine Anerkennung des Regimes, das alles daran setzen wird, diesen Prestigegewinn in München mit einer Präsentation vor den Augen der Welt deutlich zu machen.

Die Afrikaner in Rhodesien freuen sich zwar über das halbe Dutzend schwarzer Athleten in dem über 40köpfigen Olympiateam, sie wissen aber ganz genau, daß die wenigen schwarzen Sportler Aushängeschilder sind und daß jeder positive Eindruck, den die Mannschaft hinterläßt, eine Stabilisierung der Herrschafts Verhältnisse bedeutet.

Rolf Kunkel