Von Manfred Sack

Das olympische Dorf in München bietet Wohnung für eine ganze Kleinstadt von zwölfeinhalbtausend Menschen. Trocken und knapp verlarigt der Artikel 37 des IOC-Statuts bloß: "Das Organisationskomitee hat ein olympisches Dorf für Männer und ein olympisches Dorf für Frauen zu errichten", also Sportlern aus aller Welt für vierzehn Tage ein Unterkommen zu bieten, weiter nichts. Doch das ausgeprägte Komfortbedürfnis moderner Leistungssportler und die Pflicht, ihnen ein Dach überm Kopf zu bauen, wurden zum gigantischen Vorwand, zur "Jahrhundertchance", um endlich auch etwas vorher nie Gewagtes, Beispielhaftes, in die urbanistische Zukunft Weisendes zu probieren, eine Art Olympia auch für Architekten und Städtebauer.

Die Häuser-Olympiade wird an drei Orten abgehalten: erstens im olympischen Dorf im Nordosten des Münchner Oberwiesenfeldes, das jetzt Olympia-Park heißt; zweitens in der Pressestadt, an der Nordwestecke des Olympia-Parks gelegen, wo während der Spiele die Journalisten wohnen; drittens in Schilksee, einem Dorf dreizehn Kilometer nördlich von Kiel an der Ostsee, wo sich das Segelzentrum befindet. Mitte September, wenn der Goldregen über den Leistungssportlern niedergegangen ist, soll in diesen drei olympischen Siedlungen die Sonne für diejenigen aufgehen, für die geplant und gebaut wurde: für rund zwanzigtausend Menschen, die dann hier Wohnung nehmen werden.

Aber olympisches Wohnglück wird vor allem denen lächeln, die es sich leisten können. Im olympischen Dorf wird der Quadratmeter Wohnung für 1800 bis 2000 Mark verkauft oder monatlich für 14 Mark vermietet. In Kiel kostet der Quadratmeter Terrassenhaus-Appartment 2500 Mark. Nur in der Pressestadt bietet sich Wohnraum zu erträglichen Bedingungen an, denn sie entstand unter den finanziellen Beschränkung gen des sozialen Wohnungsbaus. Die angekündigte, große soziale Tat hat nicht stattgefunden: Auch beim olympischen Wohnungsbau wird Geld, viel Geld verdient und mit Boden und Immobilien spekuliert.

Das olympische Dorf

Die einen denken an "Manhattan", an ein massiertes Stahl-, Stein- und Betongebirge, das einem Atembeschwerden bereitet. Andere – wie ein Immobilienmakler – -zitieren die vielgerühmte Schweizer Terrassenhaussiedlung Halen mit ihren dicht aneinandergepackten, aber anmutig an den Hang geschichteten Reihenhäusern mit blickgeschützten Gärten. Die dritten – darunter bin ich – trauen solchen Vergleichen nicht. Es kommt immer auf den Standpunkt an, von dem aus man dieses "Dorf" betrachtet.

Der erste Blick – auf den meisten Photos wiedergegeben – täuscht: von Teleobjektiven zusammengerafft oder schräg von oben geschossen, könnte man sich in der Tat fürchten vor soviel grauem, durch unzählige Balkonblenden wild gemustertem Beton. Es hat so wirklich den Anschein, als müsse man sich da wie ein Tausendstelmensch in einem monströs vergrößerten Architekturmodell vorkommen.