Einst wurde Heidelberg gern besungen und galt als Sinnbild einer romantisch heilen Welt; heute wird die Stadt oft gescholten, denn sie ist eine der unruhigsten in der Bundesrepublik: Sprengstoff- und Brandanschläge auf Professorenwohnungen, Bomben und Tote im US-Hauptquartier, ein sozialistisches Patienten-Kollektiv, das angeblich einen Staatsumsturz plant, Streiks in Schulen, Demonstrationen auf den Straßen, eine Universität, an der Studentenunruhen und Querelen mit dem Kultusminister des Landes, Wilhelm Hahn, die Regel sind.

Und nun eine handfeste Schulaffäre. Sie zeigt, wie in Baden-Württemberg die Politik des einst liberalen Reformers Hahn immer rechtslastiger wird und daß – nicht zuletzt durch die Beschlüsse der Ministerpräsidenten gegen Radikale – an den Schulen ein gereiztes, vergiftetes Klima entstanden ist.

Drei Schüler wurden diszipliniert, ein Lehrer wurde entlassen. Und dabei geht es im Grunde und in der Hauptsache nur um einige Sätze. Schüler des Heidelberger Bunsen-Gymnasiums schrieben sie: "Wir fragen, wer ein bestimmtes Gesetz gemacht hat, warum es gemacht wurde und wem es nützt. Erst wenn es von der Mehrheit des Volkes (direkt oder indirekt) gemacht wurde und wenn es der Mehrheit des Volkes nützt, halten wir es für demokratisch. Andere als demokratische Gesetze erkennen wir nicht an.

Das verbale Pathos dieser Zeilen ist stark, die substantielle Aussage ziemlich gering. Jedenfalls wurden drei Bunsen-Gymnasiasten für zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen, obwohl sie den Text selber nicht verfaßt, sondern im Dezember letzten Jahres nur beim Verteilen des Flugblatts von der Schule geholfen hatten.

Der Schuldirektor und die Mehrheit seiner Lehrer fanden nämlich, der Inhalt der Flugblätter stelle "eine erhebliche Gefährdung der Bildungsarbeit an der Schule und der Erziehung der Schüler im Sinne der rechtsstaatlichen und freiheitlich-demokratischen Ordnung" dar und diagnostizierten: "Verhetzung von Schülern zur Mißachtung geltender Gesetze." Die Pädagogen meinten sogar, daß "die prinzipielle rechtliche Verbindlichkeit von Gesetzen geleugnet... und dadurch der offene Rechtsbruch propagiert wird. Diese Indoktrination erschüttert das in der Entwicklung begriffene Rechtsbewußtsein von Schülern ... Schulische Arbeit und gesellschaftlichdemokratisches Leben sind nicht möglich unter den Bedingungen einer subjektiv-willkürlichen anarchistischen Leugnung von gültigen Gesetzen ..."

Diese scharfe Reaktion wirkt außerordentlich übertrieben und läßt Verständnis sehr vermissen. Zu Recht haben zahlreiche Schüler die Suspension nicht so verstanden, wie die Lehrer sie deklarierten, als "Erziehungsmaßnahme". Ob die Aktion juristisch rechtsmäßig oder rechtswidrig war, darüber entscheidet demnächst ein Gericht. Pädagogisch war sie bestimmt nicht: Hier haben Erzieher mit dem dicken Knüppel dreingeschlagen, wo Aufklärung angebracht gewesen wäre – die inkriminierten Sätze hätten hervorragenden Diskussionsstoff für den Gemeinschaftskunde-Unterricht abgegeben. Führen unnachsichtige Zwangsmaßnahmen tatsächlich zu jener Haltung bei Jugendlichen, die in der Verfassung des Landes als Ziel der Erziehung angegeben ist: "freiheitlich demokratische Gesinnung" und "politische Verantwortlichkeit"?

Die Mutter eines beurlaubten Mädchens, die Professorin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Gerda Preise, warf den verantwortlichen Lehrern des Gymnasiums öffentlich reaktionäre Gesinnung vor, indem sie die Maßnahme der Schule scharf kritisierte: "Man weiß, daß Exempel immer dort statuiert wurden und werden, wo autoritär herrschenden Kräften die Kontrolle in Konfliktsituationen zu entgleiten droht." Die Ohrfeige saß, und das Bunsen-Kollegium schlug gereizt zurück – wiederum unverhältnismäßig grob. Es unterstellte nun seinerseits der Dozentin, der von PH-Rektor Klaus Engelhardt bescheinigt wird, sie versuche stets durch Diskussionen mit Studenten gewalttätiges Denken zu verhindern, "die Konzeption einer autoritären Pädagogik der Gewalt" und "Dogmatisierung der Erziehung zum Ungehorsam". Frau Freise habe sich "zur engagierten Apologetin gerade von ,Radikalen‘ gemacht".