Rom, im August

Mit der Arglosigkeit eines Postillions, der nichts als frohe Kunde bringt, blies der italienische Minister für das Post- und Fernmeldewesen – sein Name ist Gioia (Freude) – ins große Horn: Italiens elf Millionen Fernseher brauchen nicht mehr schwarz/weiß zu sehen; auch wenn Italiens Wirtschaft einem keineswegs rosigen Herbst entgegengeht, muß die staatliche Rundfunkgesellschaft RAI die Olympiade und dann auch die Tagesschau ab 26. August in Farbe präsentieren.

Nach sieben mageren Jahren des Zögerns, in denen die Devise galt "Kein Kaviar, solange Schuhe fehlen", hat die Regierung ihre Entscheidung in einem Augenblick enthüllt, als das Parlament just in die Ferien gegangen war und der hochsommerliche Exodus von Millionen Italienern die Sorgen des Landes für eine Weile verblassen ließ.

Wenn jetzt gleichwohl die Regierungsparteien nur verlegenen Beifall spenden und die oppositionelle Linke gar von "abenteuerlichem Handstreich" spricht, dann hängt das mit einem fatalen Schönheitsfehler zusammen: Die langjährige Hauptfrage, ob Italien mit dem deutschen PAL-System oder dem französischen SECAM-System ins Farbfernsehen einsteigen soll, ist mit einem klaren "Jein" beantwortet worden. Man werde, so verkündete treuherzig Minister Gioia, "mit absoluter Unparteilichkeit" einfach beide Systeme ausprobieren, also mit beiden abwechselnd senden – und zwar unbefristet.

Für PAL gerüstet

So objektiv dies klingt, es ist eher grotesk, wenn man es an der Wirklichkeit mißt. Die staatliche Rundfunkgesellschaft RAI hatte bis jetzt ihre gesamten technischen Vorbereitungen nach dem deutschen System ausgerichtet. "Alle Farbversuchsprogramme wurden nach dem PAL-System gesendet", heißt es im RAI-Jahrbuch 1971. Die nur 40 000 Farbfernsehapparate, die es gegenwärtig in Italien gibt und deren Antennen das schweizerische, österreichische und jugoslawische Programm empfangen können, sind (bis auf einige hundert im Grenzgebiet zu Frankreich) ausschließlich für das PAL-System gebaut. Die italienische Industrie ist bisher auch nur für dieses System gerüstet – und nun entsprechend erschrocken.

Zwar gibt es seit langem ein heftiges, auch diplomatisches (und manchmal undiplomatisches) Tauziehen zwischen Deutschland und Frankreich um die Gunst der italienischen Farbfernsehtechnik; doch die Fachleute halten auch in Italien einstimmig das PAL-System für das technisch bessere. Was also konnte Italiens Regierung bewegen, dennoch beiden Systemen eine Chance zu geben?