Kiel

Man spricht in Kiel von der "Achse München–Kiel": Olympischen Ehrgeiz haben die beiden Landesregierungen übereinstimmend auch auf die Hochschulpolitik übertragen. Mitte Juni legten die Kieler den Referentenentwurf eines Landeshochschulgesetzes vor, der das bayerische noch übertrifft: Ende der Hochschulautonomie; Übernahme des Hausrechts an der Universität durch den Kultusminister; absolute Mehrheit der Ordinarien in allen Gremien; Ende der studentischen Selbstverwaltung... Die Veröffentlichung dieses Entwurfs ohne vorherige Anhörung der Hochschule kurz vor Semesterschluß und die Fristsetzung für eine Stellungnahme der Universität bis Mitte August degradieren die Universität zum bloßen Regelungsobjekt der Bürokratie und machen die politische Strategie deutlich: Oktroyierung eines disziplinierenden Universitätsgesetzes.

Gleichzeitig übt man die Disziplinierung auch im Detail: Nach der schon länger als ein Jahr andauernden Verzögerung der Besetzung einer H-3-Stelle im soziologischen Seminar – ein Professor kämpft dort mit fünf wissenschaftlichen Mitarbeitern an der "Ausbildungsfront" von 450 Soziologiestudenten – sollen jetzt zwei wissenschaftliche Assistenten, Haedke und Moch, die Universität verlassen. Die beiden Assistenten waren zwischen 1970 und 1972 die Sprecher der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität. Sie galten als kritische Wortführer gegen die bisherige Hochschulpolitik.

Mochs Dienstverhältnis ist inzwischen zum 30. Juni beendet worden. Vorerst kann er auf Grund eines privaten Dienstvertrages an der Universität bleiben. Haedkes Kündigung zum 30. Juni konnte durch den Einspruch des Personalrats kurzfristig hinausgezögert werden. Sie ist zum 30. September angedroht worden.

Haedke ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er war mehrere Jahre in den USA tätig, wo er in Psychoanalyse, Psychotherapie und Gruppenpsychotherapie ausgebildet worden ist. Seit 1966 ist er an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität beschäftigt und leitete von September 1966 bis Dezember 1969 den Aufbau einer psychotherapeutischen Station. Neben umfangreicher psychotherapeutischer Behandlung von Patienten – die Station war erheblich unterbesetzt mit qualifiziertem Personal – war er mit Lehraufgaben an der Universität und an anderen Institutionen betraut. Wegen dieser starken Belastung fand er wenig Zeit und Gelegenheit für eigene Veröffentlichungen. Er sammelte jedoch umfangreiches Material, das aus Zeitmangel noch nicht ausgewertet werden konnte. Obwohl an der Uni-Klinik im Durchschnitt für eine Habilitation neun Jahre gebraucht werden, soll Haedkes Dienstverhältnis schon nach sechs Jahren endgültig beendet werden, da er bisher – nach Auffassung des Kultusministeriums – zu wenig veröffentlicht habe und eine Habilitation in angemessener Zeit nicht mehr zu erwarten sei.

Moch ist Pharmazeut. Er hat im Dezember 1971 mit "sehr gut" promoviert. Seit drei Jahren ist er in Forschung und Lehre am Pharmazeutischen Institut tätig. Im Januar beantragte er mit Befürwortung des Direktors des Instituts seine Übernahme in das Beamtenverhältnis. Aus bisher unerklärten Gründen zog dieser aber seine Befürwortung im März zurück. Die Übernahme scheiterte. Als offizielle Begründung wurde angeführt, Moch habe "seine Dissertation auf dem biometrisch-mathematischen Gebiet mit pharmazeutisch-chemischer Grundlage geschrieben, und wegen dieser Spezialisierung bestehe keine Möglichkeit einer Beschäftigung im Pharmazeutischen Institut.

Zwei hochqualifizierte Mitarbeiter, die bereit sind, auf sozialpolitisch wichtigen Gebieten – Psychotherapie und Pharmazie – Lehr- und Forschungsaufgaben zu übernehmen und sich auch als Vertreter in den ärztlichen und pharmazeutischen Standesorganisationen für die Beachtung gesellschaftlicher Belange einsetzen, sollen offensichtlich wegen ihres politischen Engagements diese Möglichkeiten nicht erhalten. Möglicherweise sollen sie als abschreckende Beispiele das "wissenschaftliche Fußvolk" zu Wohlverhalten zwingen.

Das Gegenteil trat jedoch ein. Auf einer Vollversammlung der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität wurde der Beschluß gefaßt, im kommenden Wintersemester alle von wissenschaftlichen Mitarbeitern geleiteten Lehrveranstaltungen einzustellen, falls Moch und Haedke nicht an der Universität bleiben können. Das beträfe etwa fünfzig Prozent aller Lehrveranstaltungen und würde die Ausbildung praktisch paralysieren. Ernst-Uwe Barten