Auf Philippe de Broca konnte man sich noch nie so recht verlassen. Denn allzusehr gleicht der Regisseur von "Liebhaber für fünf Tage" und "Abenteuer in Rio" seiner eigenen Lieblingsfigur: jenem liebenswürdig unsteten Farceur, dessen Bedürfnis nach müheloser Muße allemal größer ist als seine intellektuelle Ambition und die Bereitschaft, sich den unwägbaren Fährnissen des wirklichen Lebens auszusetzen.

Viermal hat Jean-Pierre Cassel jenen Farceur für de Broca gespielt. Und wie schon "Les jeux de l’amour", "L’amant de cinq jours", "Le farceur" und "Un monsieur de compagnie" mit ihren irritierenden Qualitätsschwankungen die Vermutung nahelegten, de Broca nehme sein Metier so wenig ernst wie sein Farceur das Leben an sich, so scheint auch sein elfter Film "La poudre d’escampette" (Drei auf der Flucht) das Produkt eines Mannes zu sein, dessen komödiantisches Talent allenfalls noch von seinem nonchalanten Desinteresse am eigenen Film übertroffen wird.

Wieder einmal tut de Broca so, als wolle er eine Geschichte erzählen, aber die Handlung verläuft sich so folgenlos im Sand der libyschen Wüste wie seine drei Protagonisten Michel Piccoli, Marlene Jobert und Michael York, die auf der Flucht vor Rommels Afrikakorps quer durch Nordafrika flanieren. De Broca, der als rechter Farceur auch schlechte Witze zu schätzen weiß, dachte offenbar, daß es doch zu schade um das viele Geld sei, um damit einen weiteren der unzähligen Wüstenfilme zu machen. Und so lenkt er sein aufwendiges Taxi nach Tobruk schnell in eine Sackgasse nach der anderen.

Wie vor neun Jahren in "L’homme de Rio" durchsetzt de Broca die Handlung mit parodistischen Zitaten aus berühmten Filmen, die die dramatischen Verwicklungen immer wieder relativieren und klassische Muster von "desert pictures" lustvoll auf ihre humoristische Verwendbarkeit überprüfen.

Und wenn de Broca sich einen Jux macht, verläßt ihn auch hier nie sein brillantes Talent für komische Wirkungen und traumwandlerisch exaktes timing. Mit zwei Einstellungen verwandelt er Piccoli mühelos in den Humphrey Bogart von "Casablanca", ohne sichtbare Anstrengung entstellt er berühmte Sequenzen aus Billy Wilders "Fünf Gräber nach Kairo" und Robert Aldrichs "Der Flug des Phönix" bis zur augenzwinkernden Kenntlichkeit.

Doch de Broca wäre kein Farceur, wenn er sich tatsächlich der Mühe unterzogen hätte, ein "desert picture to end all desert pictures" zu drehen. Dafür fehlt ihm weniger die Begabung als die notwendige Disziplin. Zwischendurch fällt ihm immer mal wieder ein, daß ein wenig dramatische Handlung vielleicht zur Abwechslung nicht schaden könnte. Dann passiert etwas in der Wüste, zeigt de Broca attraktive Land- und Leidenschaften, fast so, als wolle er dem geneigten Publikum demonstrieren, wie vielseitig er doch eigentlich sei. Schließlich erinnert er sogar an sein unsäglich sentimentales Melodram "Herzkönig", dessen aufgesetzt allegorische Attitüde er mitsamt allen kunstgewerblichen Scheußlichkeiten zu einem weiteren augenfälligen Stilbruch in seine Wüsten-Story einbringt.

Mit seiner chaotischen Mischung aus völlig disparaten Motiven und Stilebenen ist "Drei auf der Flucht" ein durch und durch kaputter Film, eine bunte Ruine, in der sich de Broca behaglich eingerichtet hat. Der Farceur als Terrorist wider Willen: So konsequent wie vor ihm vielleicht nur Preston Sturges in "Hall the Conquering Hero" und "Unfaithfully Yours" summiert de Broca seine Liebe zum Kino und seine gelangweilte Verachtung für kommerzielle Konventionen zu einem ebenso komischen wie desaströsen Stück voll von Fallstricken, Widersprüchen und ironischer Indifferenz. Ungerührt zeigt de Broca seine eigenen Defekte vor und deckt damit beiläufig auch die Mentalität seiner Arbeitgeber auf, deren Vorstellungen von publikumswirksamem Unterhaltungskino er mit der charmanten Lethargie des Farceurs bis zur Absurdität exekutiert. Das Ergebnis ist eine sehenswerte Katastrophe, der film maudit eines Autors, der mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit zumindest Respekt verdient.

Hans C. Blumenberg