Von Robert Neundorf

Wir führen einen totalen Krieg gegen den Herztod", ist ein immer wiederkehrender Satz, den man gegenwärtig in den amerikanischen Herzforschungszentren hört. Diese Laboratorien erleben einen Boom von nie dagewesenem Ausmaß. Während die Krebsforschung schon seit längerem mit einer Intensität vorangetrieben wird, die eine Steigerung nur schwer denkbar erscheinen läßt, haben die finanziellen Aufwendungen auf dem Gebiet der Herzforschung erst in den letzten Monaten jenes schwindelerregende Niveau erreicht – mehr als ein Dutzend Projekte über eine Million Dollar –, wo die US-Wissenschaftler von einem "all-out war against heart disease" sprechen.

Das Motiv für diesen Krieg liegt auf der Hand. Arterienverkalkung ist die Todesursache Nummer eins in den Vereinigten Staaten; pro 100 000 Einwohner sterben daran jährlich 400 Männer im Alter zwischen 35 und 64 Jahren. Es sind häufig Familienväter, und sie sterben oft in der produktivsten Phase ihres Lebens. Der sich daraus ergebende Verlust an Wirtschaftskraft für den amerikanischen Staat ist enorm.

Andere Länder müssen noch nicht mit einem so extremen Aderlaß rechnen – obwohl sich die Todesziffern von Jahr zu Jahr stärker an die der USA angleichen. In europäischen Staaten sind die Zahlen etwa halb so groß wie in Amerika, in Japan liegen sie noch bei einem Sechstel der amerikanischen Ziffern.

Die Hauptfrage, die sich die amerikanischen Mediziner gegenwärtig stellen, ist nicht so sehr die nach den Behandlungsmöglichkeiten verschiedener Herzkrankheiten – wie dies etwa in Deutschland noch vielfach im Vordergrund steht, sondern nach deren Verhinderung. Ein Beispiel dafür ist ein Fünfjahresprojekt, das vor einigen Wochen an der kalifornischen Stanford-Universität begonnen wurde. Professor Jack Farquhar vom Stanford Medical Center und Professor Henry Breitrose vom Department of Communication wollen dabei herausfinden, ob es möglich ist, die Lebensgewohnheiten der Bewohner zweier Kleinstädte derart zu ändern, daß sich eine merkbare Verringerung der Herztodziffern ergibt.

Für die bisher einmalige Vier-Millionen-Dollar-Großindustrie wurden drei vergleichbare Städte im Nordosten von San Franzisko ausgewählt: Gilroy, Watsonville und Tracy. In Gilroy werden die Forscher mittels einer intensiven Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehkampagne versuchen, die Einstellung der Bevölkerung bezüglich Diät ("Essen Sie keine tierischen, sondern pflanzliche Fette; essen Sie weniger Zucker und Salz"), des Rauchens ("Hören Sie auf damit"), der körperlichen Aktivitäten ("Trimm dich mal wieder") und der Lebensgewohnheiten ("Vermeiden Sie Streß, damit der Blutdruck nicht in die Höhe schnellt") zu ändern.

In Watsonville wird dieser Massenmedien-Sondereinsatz noch verstärkt werden durch Überredungskampagnen Freiwilliger, die wie in einem Haus-zu-Haus-Wahlfeldzug Menschen in persönlichem Gespräch zur gewünschten Meinungsänderung zu überreden versuchen werden. Tracy, die Kontrollstadt, wird weder eine Medienaktion noch einen Überredungsfeldzug erleben; die Stadt wird die Vergleichswerte für die beiden anderen liefern.