Wishful thinking nennen die Engländer jenes Denken, das zwischen Wunsch und Wirklichkeit keinen Unterschied zu machen versteht. Was die Zukunft, also das zu Erwartende, angeht, ist dies ein weitverbreiteter Hang. Im Hinblick auf die Vergangenheit hingegen gab es bisher nur im Osten diese staatlich geförderte Usance: Lin Piao, gestern der treue Kamerad und mächtige Stellvertreter des Vorsitzenden Mao, ist heute als Person und Begriff nicht mehr existent. Bald wird sein Name in Millionen von Geschichtsbüchern getilgt sein: Er ist ein Verräter, folglich hat er nie existiert – corriger la realite! In der Sowjetunion wird diese Korrektur der Wirklichkeit seit Jahrzehnten praktiziert, jede neue Ausgabe der Enzyklopädie bringt ein neues Bild der Vergangenheit, läßt Akteure, die einst auf der Bühne standen, verschwinden, rückt andere in den Vordergrund.

Jetzt hat sich nun auch die UN ohne jede Diskussion dieser Pekinger Praxis gebeugt. Taiwans Existenz ist ausgelöscht. Ein Staat von 14 Millionen, der während eines Vierteljahrhunderts Mitglied des wichtigsten Gremiums der Vereinten Nationen – des Sicherheitsrates – war, ist zu einem Unstaat geworden: Er darf nicht mehr erwähnt werden, weder in dem unentbehrlichen Statistischen Jahrbuch, als alle Staaten der Welt umfaßt, noch in Radiosendungen, überhaupt "in keiner wie auch immer gearteten Form". Formosa existiert nicht mehr. Und es soll auch nie existiert haben: Neben der großen grünen Marmortafel mit dem Konfuzius-Wort, die neben dem Eingang zur Delegiertenhalle hing, ließ eine kleine Bronzetafel wissen, daß dies ein Geschenk Taiwans war – diese Plakette ist abmontiert worden.

Welche Ironie. Um der Realität Rechnung zu tragen, wurde Maos China vor einem Jahr endlich in die UN aufgenommen – das erste, worauf Peking bestand, war nicht nur der Ausschluß Taiwans, sondern auch die nachträgliche Berichtigung der Wirklichkeit. Die Fiktion ist tot, es lebe die Fiktion. Dff