Von Rudolf Walter Leonhardt

Während die meisten deutschen Fernsehzuschauer nur noch mit körperlichen Spitzenleistungen in München und um München herum beliefert werden, werden in Island Spitzenleistungen des Intellekts ihren Höhepunkt erreichen – vom deutschen Fernsehpublikum so gut wie unbemerkt.

Zeitungen haben es schwer, schwarz auf weiß einen Eindruck davon zu vermitteln, worum es beim Schach eigentlich geht. Die meisten weichen daher aus auf farbige Schilderungen der Kontrahenten. Größe und Preis des Schachbretts sind leichter mitteilbar als das, was auf diesem Brett passiert.

Gewiß ist, daß die aufregendste Schachweltmeisterschaft der Einzelkämpfer, während ich dies schreibe, über die "Halbzeit" hinaus gelangt ist – und daß das Halbzeitergebnis kurioserweise, da doch alles so irre zuzugehen schien, ganz normal war, will sagen: den Voraussagen der Kompetenten (von denen wir eine in der ZEIT Nr. 25 abgedruckt haben) durchaus entsprach – 7:5 für Robert Fischer (USA) gegen Boris Spasskij (UdSSR).

Wir wollen zwei der interessantesten Partien aufzeichnen – und zwar die 7. und die 11. Sie bieten sich an zum Vergleich, und sie können zeigen, daß Spasskij der Trottel nicht ist, als der er in den amerikanischen Zeitungen erscheint – als ob es ehrenvoll für Fischer wäre, gegen einen Trottel zu gewinnen.

Das Nachspielen ist auch für jemanden, der noch nie Schach gespielt hat, leicht: Man setzt die Figur vom ersten bezeichneten Feld auf das zweite bezeichnete Feld, und wenn dort schon eine steht, nimmt man die weg. Auf unnötig komplizierende Zeichen und Symbole verzichten wir. Das linke untere Feld des Schachbretts ist dunkel und heißt a1. Von dort wird durchnumeriert – al bis hl in der Horizontalen, a1 bis a8 in der Vertikalen. Die weißen Bauern stehen dann am Anfang in einer Linie von a2 bis h2, die schwarzen von a7 bis h7.

Bauen wir also ein Schachspiel auf zur 7. Partie. Spasskij hat die weißen Figuren, Fischer die schwarzen – wie bei allen ungeraden Spielen. Auf der Grundlinie stehen die "Offiziere" genannten Figuren, die jedoch nicht eigentlich einen Rang repräsentieren, sondern strategische Verbände unterschiedlicher Kampfkraft: rechts und links außen die starken, soliden, aber schwer beweglichen Türme; daneben (nach innen zu) als wendigste Waffe die Springer (Kavallerie?); daneben die Läufer, von denen keiner weiß, welche Waffengattung sie eigentlich repräsentieren, viel sicherer als die Springer, aber weniger geeignet für Überraschungsschläge; in der Mitte schließlich der König, gegen den letztlich alle Angriffe sich richten; ein Schwächling neben der Königin, einer Superkampfmaschine, fast so stark wie zwei Läufer und ein Turm zusammen. Sie beherrscht außerdem noch das Protokoll: Regina regit colorem – die weiße Königin steht auf einem weißen Feld, die schwarze auf einem schwarzen.