Washington, im August

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion haben seit 1945 zehn Prozent ihres Sozialproduktes, zusammen mehr als zwei Billionen (gleich zweitausend Milliarden) Dollar für ihre Rüstung ausgegeben; 1,3 Trillionen die Amerikaner und etwa eine Trillion die Russen. Zu diesem Schluß kommt das amerikanische Außenministerium und meint, beide Nationen hätten andere, dringende zivile Bedürfnisse, für die derart astronomische Summen besser angewandt wären. Einen ersten Schritt zur Verringerung der Rüstungslasten hat der Vertrag über die Begrenzung der atomaren Defensivwaffen und das Abkommen über die Limitierung einiger Kategorien nuklearer Offensivwaffen getan. Weitere Vereinbarungen können – so hoffen die Amerikaner – auch die offensive Atomrüstung einschränken.

Doch der Silberstreifen hinter den Atompilzen bleibt vorerst noch stark eingetrübt durch parlamentarische Manöver beim Verabschieden des Offensivwaffen-Abkommens im amerikanischen Kongreß und durch neue Rüstungsobjekte der USA. In ihnen reflektiert sich die Absicht, doch noch eine faktische nukleare Überlegenheit über die Sowjetunion oder die Option dazu offenzuhalten, falls – wie die militärischen Berufspessimisten in Washington befürchten – die Russen ihrerseits die Tage ohne förmliche Verletzung der ersten SALT-Verträge zu dem Versuch nutzen, die Amerikaner zu überrunden.

Als Anwalt des Pentagon und der Hardliner hat jetzt der demokratische Senator Henry Jackson, anfänglich vom Weißen Haus unterstützt und dann wieder gebremst, im Senat eine für den Inhalt des Abkommens juristisch nicht verbindliche Zusatzentschließung vorgelegt. Darin wird immerhin als Meinung des Kongresses

  • das volle Recht der USA zum einseitigen Rücktritt von dieser Vereinbarung für den Fall seiner Ausnutzung durch die Sowjetunion zum Erlangen einer nuklearen Superiorität und
  • das Beachten der numerischen Parität zwischen den beiden Mächten in jedem künftigen weiteren Abkommen über Offensivwaffen gefordert.

Der erste Teil von Jacksons Vorschlag ist unsinnig, da das Moskauer Abkommen bereits eine Klausel für den einseitigen Rücktritt bei Gefährdung höchster nationaler Interessen durch außergewöhnliche Umstände enthält. Der zweite Teil seines Antrages steht in Widerspruch zu den Voraussetzungen, unter denen das Abkommen zwischen Nixon und Breschnjew fixiert wurde. Es räumt der Sowjetunion einen Höchstbestand von 62 Atomraketen tragenden Unterseebooten gegen 44 amerikanische Boote sowie rund 1700 landgestützte Interkontinentalraketen gegen 1054 der Amerikaner ein. Denn die Amerikaner gleichen durch Bestücken ihrer Waffen mit mehreren Nuklearköpfen (Mirvisierung), durch technologische Vorsprünge und durch ihre geographische Lage den zahlenmäßigen Vorsprung der Russen aus; sie haben, so versichern sie, eine dreifache Überlegenheit in der Zahl ihrer Atomsprengköpfe.

Doch das Pentagon hat die Absicht, neue nukleare Offensivwaffen zu entwickeln, die sogar die in Betonsilos eingebunkerten sowjetischen schweren Interkontinentalraketen ausschalten sollen. In deutlicher Abweichung von einer bereits 1969 von Präsident Nixon ausgesprochenen Versicherung würde das zum Einschwenken der USA auf eine Atomstrategie des ersten Schlages mit der Möglichkeit zum Vernichten der Gegenschlag-Atomstreitmacht des Gegners führen. Schwenkt jedoch Amerika tatsächlich auf diese bisher verworfene Strategie ein, so wird die Sowjetunion das gleiche tun. An das Einsparen von Dollar – Billionen oder auch nur Milliarden – wäre aber schwerlich zu denken, wenn das Mißtrauen der beiden Atomgiganten gegeneinander so virulent bleibt, wie alle diese Manöver andeuten.

Joachim Schwelien