Man kann darüber streiten, ob es angebracht oder nicht gar peinlich ist, wenn der Bundesbankpräsident und der ehemalige Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen heute eine öffentliche Diskussion führen über ein Schreiben, das dieser am 2. Juli an den Bundeskanzler gerichtet hatte und das von dritter Seite auf den Markt gebracht worden war. Aber nachdem nun einmal Herr Klasen – wenn auch recht spät – diese Diskussion eröffnet hat, sehe ich mich veranlaßt, trotz dieser Stilbedenken zu antworten. Dabei sollen möglichst keine "ollen Kamellen" aufgewärmt werden – wer interessiert sich schon dafür? –, sondern es soll nur das gebracht werden, was von der Sache her erforderlich ist.

Erstens: Eine chronologische Darstellung der letzten drei Tage vor der Kabinettsitzung am 28./29. Juni sagt noch gar nichts über die eigentlichen Zusammenhänge aus, die unter anderem zu meinem Rücktritt führten, zumal dann nicht, wenn diese Darstellung wesentliche Lücken aufweist. Ein Beispiel: Herr Klasen schildert in seiner neuesten Version (die früheren möchte ich hier nicht wiederholen), er sei erst am Dienstag, dem 27. Juni, durch die Schweizer Maßnahmen sozusagen in den Stand der Erkenntnis gelangt, daß nunmehr der § 23 des Außenwirtschaftsgesetzes (AWG) anzuwenden sei. Unter einer solchen Voraussetzung konnte er mich natürlich am Tage vorher, auf der Luxemburger Konferenz, noch nicht unterrichten. So weit – so gut.

Aber: Herr Klasen verschweigt, daß er nach seiner Stunde der Erkenntnis, am folgenden Vormittag (Mittwoch, den 28. Juni), im Finanzplanungsrat längere Stunden neben mir saß, ohne auch nur mit einem Wort seine Absichten für die Kabinettsitzung am Nachmittag desselben Tages anzudeuten. (Dafür verkündete er allerdings wie später berichtet wurde, als er gegen Mittag den Saal vor mir verließ, den draußen wartenden Journalisten: "Heute werden im Kabinett harte Währungsbeschlüsse gefaßt.")

Und zur weiteren Vorgeschichte: Hat es nicht am Fronleichnamstag, am 1. Juni, eine Besprechung des Bundesbankpräsidenten in Bonn gegeben, bei der es auch um den § 23 ging und von der der zuständige Bundesminister weder unterrichtet noch zu der er hinzugezogen war? Erst später wurde dann deutlich, daß das auch für die von Herrn Klasen nun zitierte BDI-Rede vom 14. Juni relevant war.

Um es kurz zu machen: Angesichts des ganzen Ablaufs auch in der neuen Darstellung des Bundesbankpräsidenten kann ich mich nur der Meinung einer deutschen Tageszeitung (FAZ vom 4. August) anschließen, die die späte Erklärung Klasens mit den Worten kommentierte: "Warum Schiller nicht informiert war, ist auch jetzt noch nicht klar."

Zweitens: Herr Klasen bestreitet in seiner Darstellung, daß in den besagten Debatten eine Rücktrittsdrohung von seiner Seite eine Rolle gespielt habe. Ich habe zwar in meinem Schreiben an den Kanzler darauf gar nicht Bezug genommen, aber nun muß ich leider daran erinnern, daß der Bundesbankpräsident in einer auf meinen Wunsch nach Unterbrechung der Kabinettsitzung vom 28. Juni zustandegekommenen Vierer-Besprechung klar und deutlich bemerkte: wenn sein Antrag nicht akzeptiert würde, dann müsse er daraus den Schluß ziehen, daß man auf seine Dienste keinen Wert mehr lege. Am Sinn dieses Ausspruches ist wohl nicht zu deuteln. Und was die nun dementierte "Ruhe an der Währungsfront" betrifft, so verweise ich da auf mein Schreiben an den Bundeskanzler: Am ersten Tage der Kabinettserörterungen war sie – wörtlich – eine "Garantie", am zweiten, nach meiner Einlassung, eine "Hoffnung".

Drittens: Aber wichtiger als Korrekturen im Detail der Abläufe sind naturgemäß die Darstellung und die Beurteilung der eigentlichen Sachkonflikte. Um seine Sachmeinung zu stützen, verweist Herr Klasen jetzt auf Ereignisse nach meinem Rücktritt, nämlich die Londoner Konferenz vom 17./18. Juli und die Pariser Besprechung vom 27. Juli. Ich kann demgegenüber nur wiederholen, was ich in meinem Schreiben an den Bundeskanzler vom 2. Juli ausgeführt hatte: daß bis zu meinem Rücktritt die betont marktwirtschaftliche Linie der Bundesrepublik in der Währungspolitik der Europäischen Gemeinschaft durchaus respektiert wurde.