Als sich die Olympia-Planer Gedanken machten, was alles zu tun sei, um die Spiele glatt über die Runden zu bringen, überlegten sie auch, wie sie die zwei Millionen Gäste, die erwartet werden, am besten schützen könnten. Denn nach allen Erfahrungen, die man in anderen Olympia-Städten gemacht hat, sind diese ein Tummelplatz für Kriminelle: 1936 zum Beispiel nahmen in Berlin während der Olympischen Spiele die Delikte um 37 Prozent zu.

Die ersten Signale deuteten denn auch für München Unheilvolles an. Professionelle Diebe, Zuhälter und Betrüger aus Berlin, Hamburg und Frankfurt wurden in München bereits gesichtet. Ein international gesuchter Taschendieb trainierte auf dem Münchner Hauptbahnhof. Er hatte Eintrittskarten für fast sämtliche Tage der Spiele bei sich. Zu den bisherigen Probeveranstaltungen auf dem Oberwiesenfeld waren unter den Zuschauern auch einige, die scharfgeladene Schußwaffen bei sich hatten. Während des Freundschafts-Fußballspiels UdSSR-Bundesrepublik wurden im neuen Olympia-Stadion mindestens acht Schüsse mit scharfer Munition abgegeben – in die Luft. Polizisten wollen 30 Schüsse gehört haben. Diese scharfe Knallerei scheint ein für die Bundesrepublik neuer Trend zu sein; offiziell wurden bislang über 50 scharfe Schüsse während verschiedener Fußballspiele registriert.

Um Dieben, Zuhältern und Schützen wirksam zu begegnen, gibt es in München seit 1962 eine Studiengruppe mit dem hochtrabenden Titel "Studiengruppe für politologische Psychologie und Kommunikationsforschung". Diese Gruppe wurde beauftragt, für die Olympischen Spiele eine polizeiliche Strategie auszuarbeiten. Sie fertigte als erstes eine Kriminalitäts-Bestandsaufnahme an. Sie sammelte alle Daten, derer sie habhaft werden konnte: von der polizeitaktischen Auswertung der Schwabinger Krawalle aus dem Jahre 1962 über sozialpsychologische Untersuchungen von Massenschlägereien auf Volksfesten bis hin zu gewalttätigen Nebenerscheinungen der Olympischen Spiele in Mexiko, Tokio und Rom.

Schlußfolgerungen der Poko-Gruppe: Trotz sogenannter "kriminalitätsfördernder Faktoren" in München – extreme Wohndichte in manchen Stadtteilen, sich anbahnende Minoritätengettos, Grenznähe zur Schweiz, ČSSR, Österreich und Italien, zahlreiche politische Untergrundorganisationen –, bietet München einen "paradiesischen Hintergrund für sichere Spiele". Denn, so die Poko-Leute, die Münchner "outlaws" ziehen ihre bisherigen stabilen Verhältnisse einer ungewissen Expansion ihres kriminellen Tuns für die kurze Zeit der Olympiade vor.

Wie die Polizei allerdings schießwütigen Fans begegnen will, ist ihr noch nicht ganz klar. Die Poko-Leute trieben sich zwar insgesamt 200 Stunden lang auf allen Olympiasportstätten herum, begutachteten jeden Winkel und jeden Ausgang. Sie übten schließlich mit ihren Beamten, wie man schnell eine Menschenmenge durchkämmt und Störer faßt.

Ein paar Ungereimtheiten in der Olympia-Architektur fielen ihnen bei ihren ausgedehnten Spaziergängen durch die Sportstätten allerdings auf, und sie machen ihnen bislang noch Kummer. Unter anderem: die Treppen der Aufzüge im Olympiastadion sind ungleich hoch und breit – gefährlich bei einer Panik. Sie entdeckten allerdings auch Vorzüge der Architektenvergeßlichkeit: Auf dem olympischen Gelände gibt es kein einziges Klo. Das nächste ist eine halbe Stunde Fußmarsch weit weg. Viele werden also ihre Geschäfte zwischen Bäumen und Sträuchern erledigen – so hofft jedenfalls die Polizei. Aus diesem Grund wird sich nachts dann niemand dort zum Nächtigen verkriechen, ein Problem, das die Polizei schon lange beschäftigt hatte.

Im übrigen: "Das Oktoberfest vom vergangenen Jahr hat fünf Millionen Besucher angelockt", erklärt Münchens Polizeipsychologe Georg Sicher, "zu den Olympischen Spielen werden nur zwei Millionen Zuschauer erwartet. Unsere Polizei sitzt das mit einer Backe ab."

Ludwig Maaßen