Von Eckart Kleßmann

Hans Sokol: "Unter der Flagge mit dem Totenkopf. Die Geschichte der Seeräuberei"; Koehlers Verlagsgesellschaft, Herford 1972; 160 Seiten, 34 Photos, 3 Zeichnungen, 2 Karten, 19,80 DM.

Man könne, so schreibt der Autor im Vorwort, den Piraten "eine gewisse Größe" nicht absprechen, "hätte sie nur edleren Zwecken gedient". Mit diesem Widerspruch nun muß sich Sokol weidlich abplagen, denn bei seinem Gang durch die Jahrtausende räuberischer Seefahrt definiert er weder "Größe" noch "edlere Zwecke". Im Gegenteil: Unfreiwillig beweist er in seinem ganzen Buch, daß die Grenzen zwischen legaler und unlegaler Seefahrt recht fließend varen. "Die Piraterie", so sagt er, "ist nicht eine Erscheinung, die mit der Sympathie des Betrachters rechnen darf, denn sie ist in ihrem Wesen und in ihren Folgen das Negative in der Auseinandersetzung des Menschen mit dem großen und ewigen Erlebnis Meer."

Merkwürdig, daß einer noch heute ein solches Geschichtsbuch schreiben kann, ohne auch nur ein einziges Mal nach dem gesellschaftlichen Hintergrund zu fragen. Dabei bringt er in seinem – übrigens recht trocken geschriebenen Buch – Beispiele genug, die es nahelegen, über den sozialpolitischen Hintergrund und die Frage der Legalität nachzudenken, wenn es denn nicht bei schierer Materialhuberei bleiben soll.

Nehmen wir den Fall des heute noch populären Klaus Störtebecker, dessen Schiffe der Hanse schwer zu schaffen machten. Sie waren es, die 1389 das von den Dänen belagerte Stockholm vor dem Verhungern bewahrten (Herzog Johann von Mecklenburg gab ihnen Kaperbriefe;) sie kaperten aber die Hansekoggen genauso, wie diese englische Handelsschiffe im Frieden ausraubten. Seeräuberisch handelten beide, aber die Hanse war am Ende die stärkere Partei, und Legitimationen lassen sich hernach immer leicht finden. Störtebecker soll vor seiner Hinrichtung gesagt haben: "Eure Weise lobt die Welt, weil sie nicht hinter Eure Schliche zu sehen vermag, meine Weise zu nehmen aber verurteilt sie, und doch bleibt sich die Sache auf ein Haar gleich."

Er hatte allzu recht. Die englische Marine ist aus der Piraterie hervorgegangen. Heinrich VI. von England stattete seine Seefahrer mit Kaperbriefen aus, und das Piratentum der Briten gegenüber Spanien und Portugal, ihre Unterstützung der nordafrikanischen Freibeuter durch "Gratifikationen" waren Tradition. Sir Francis Drake – Admiral oder Pirat? Kein Unterschied. Es war, gluabe ich, Juvenal, der gesagt hat, ein Orden und der Galgen würden auf gleiche Weise verdient.

Ging es um die eigenen Interessen – sprich Geld –, so konnte man dem Piratentum flugs den Schein der Legalität zusprechen. Trafen die Freibeuter aber das falsche Portemonnaie, so verwandelte sich Legalität sofort in Illegalität. Zur Kolonisation sagt Sokol: "Zumeist waren es Korsaren, die durch die Inbesitznahme von Neuland ihrem Vaterland wertvolle Dienste leisteten. Sie waren in ihren Mitteln gewiß nicht wählerisch und verschmähten die Beute auch dann nicht, wenn sie auch nicht gerade spanisch war. Aber sie hatten es in der Hauptsache mit einem Gegner zu tun, der selbst oft genug unchristlich handelte."