Von Leona Siebenschön

Er liebte sie. Nicht nur wegen ihrer Schönheit. Sie war edel und noch manches mehr. Drei Söhne hatte sie ihm geboren. Als dann aber, so vermerkt das Protokoll, "mit der Zeit die Reize ihrer Gestalt dahinschwanden", da wurde er von der Schönheit eines jungen Mädchens entzündet und betört. Also warb er um die Jungfrau. Und erst dann suchte er seine Gemahlin zu bewegen, freiwillig auf die Ehe mit ihm zu verzichten. Das Ende ist bekannt: Medea, die Gemahlin, wurde wütend. Jason, der abtrünnige Gatte, stürzte in sein Schwert. Auch eine Lösung des Problems, das der Mensch bis heute vernünftiger zu lösen sucht, doch meist nicht ohne Krampf und Konflikte schafft.

Spätestens seit Medeas Fall wissen alternde Gemahlinnen, was ihnen droht; weiß aber auch die Welt um diesen mythisch belegten Ur-Traum der Ehemänner: abzuhauen, wenn die Reize schwinden? Moralische Entrüstung schlägt sich da stets auf die Seite der Betrogenen. Doch Sympathie – sie wird dem Mann zuteil.

"Die tiefste Seele des deutschen Menschen nimmt Anteil", schrieb der Chronist (in der Hannoverschen Allgemeinen), als in unseren Tagen ein auch hochgestellter Herr sich frischen Reizen zuwandte, als Karl Schiller zu Bonn das Fräulein Etta Eckel freite (Altersunterschied: 22 Jahre). Von Rache (der zwei Vorgängerinnen) wurde nichts bekannt. Mag jetzt auch mancher anderer Ansicht sein (man lernte das Fräulein näher kennen), damals im Mai hat er doch wohl gemeint: gut gemacht.

"Die tiefste Seele" muß erst recht beteiligt gewesen sein, als wiederum ein Regierender dem Ur-Traum folgte. Horst Ehmke handelte gemäß der von ihm postulierten "Politik der praktischen Vernunft" und brachte seine erste Gattin zur Räson; sie verzichtete auf Rache und willigte in eine Konventionalscheidung. So konnte er denn in Ruhe und Ordnung Hochzeit halten mit der versteckten Braut aus der goldenen Ostblockstadt (Altersunterschied: 20 Jahre). Und wiederum durfte die Seele – was kümmert sie die nationale Sicherheit – frohlocken.

Denn so soll es sein – nun einmal weggeblendet von Horst Ehmke. Wer nicht medeengleich betroffen ist, möchte wohl auch jener praktischen Vernunft Kredit einräumen und vermuten, das müßte doch zu regeln sein ohne Wut und Tränen und Die-Rache-aller-Götter-über-ihn. Was will er denn schon, der Mann, den seine Träume aus der Ehe treiben? Ein Flüchtiger, gewiß. Ein Liederjan, wortbrüchig, pflichtvergessen – na und?

Hat er nicht lange genug nur an andere gedacht: das Haus bestellt, die Zukunft abgesichert. Sich selbst verschwendet, seine Zeit; alle Chancen für Nützliches vertan; für Notwendiges geschuftet jawohl; und wie! Und das alles – wofür?