Die Olympischen Spiele produzieren nur Freundschaft und Harmonie" und "Nicht einmal die großen Religionen haben sich so schnell ausgebreitet". Diese Bemerkungen gehörten zur Rede des Mannes, der vor zwanzig Jahren die Präsidentschaft des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übernahm. Das war am 14. August 1952, als er in Lausanne die Schlüssel der IOC-Kanzlei von seinem Vorgänger Sigfrid Edström übernahm. Jetzt ist Avery Brundage zurückgetreten. Der neue Mann wird es schwer haben.

Avery Brundage, Wettkämpfer bei den Olympischen Spielen 1912, heute 84jährig, hat sein Leben einer Idee gegeben, von der man sagen kann, sie sei unmodern. Zu sagen, sie sei überflüssig, erscheint ein wenig zu simpel. Wer ihm vorwirft, er habe versucht, eine Pseudo-Religion zu schaffen, vergißt, daß nicht er es war, der die Pseudo-Helden schuf, ohne die ein Großteil der Bevölkerung dieser Erde wohl nicht auszukommen vermag: Vielleicht schuf er die Religion, für die Götzen sorgten wir selbst.

Die Probleme, die sich im olympischen Sport dieser zwei Jahrzehnte ergaben, vermochte er damals kaum zu ahnen: der Eintritt der sozialistischen Länder in diesen Kreis, die deutschen Querelen, die immer stärker diskutierte Frage um die existierenden Amateurregeln, die Demokratisierungsbestrebungen – nicht zuletzt die nun vor München so akut gewordenen politischen Fragen um Rhodesien. "Es gibt kein Problem der Politik oder der Gesellschaften, das uns nicht vor die Tür gelegt worden wäre", sagte Brundage noch vor knapp einem Jahr.

Der Mann, dem man Sturheit in einer Weise nachsagt, wie es in der Vergangenheit vielleicht höchstens in gleicher Weise mit de Gaulle oder Adenauer geschah – Brundage hat auch in seiner Haltung einiges mit ihnen gemein: Er geht ein wenig steif, als ob ihm der Schneider einen Stock in den Sakko geschneidert hätte. Die Hosen, die er trägt, sind meist ein wenig zu lang oder ein wenig zu kurz. Er gibt zu, daß er in diesem jahrzehntelangen Streit mit seinem Schneider unterlegen ist. "Ich trinke nicht. Und ich rauche auch nur eine Zigarre im Jahr, um herauszufinden, daß sie mir immer noch nicht schmeckt. Ich habe Glück gehabt, daß die Diät, die ich einhalten soll, mir schmeckt!"

Und wenn man nun nach sechzig Jahren eines Morgens aufwacht und bemerkt, daß man eigentlich mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun hat? "Ich gebe zu – es ist ein bißchen grausam. Aber ich bin schon als Präsident vieler Gesellschaften zurückgetreten – ich habe mich daran gewöhnt!" Welche Eigenschaften wären die, die ein Präsident dieses Gremiums (IOC) haben muß? "Man muß ein idealistischer Unternehmer sein und etwas von der Sache verstehen. Man darf von seinen Prinzipien nie abweichen!" Ein Tip für seinen Nachfolger? "Ich glaube nicht, daß irgend jemand absehen kann, was ihm bevorsteht! Aber sie werden in jedem Falle leichter arbeiten können. Ich saß fünftausend Meilen von meinem Büro entfernt, das mit zwei Halbtagskräften besetzt war. Das hat sich geändert!" Würde er – wenn er könnte – alles noch einmal tun? "Ich bedaure nichts – keine Entscheidung, keinen Tag. Ich würde es wieder tun, und zwar genauso!" War er jemals glücklich? Zum erstenmal flüchtet er sich in ein Zitat: "Ich weiß nicht, wer es gesagt hat: Keiner, der denkt, ist wirklich glücklich! Es klingt ziemlich griechisch, aber ich komme nicht auf den Namen!" Er scheint sich selbst über dieses Unwissen lustig zu machen, nippt an seinem Saft.

Er spricht gern über das, was man sein Lebenswerk nennen kann: Über die weltweite Ausbreitung, über die verschiedenen politischen, religiösen und gesellschaftlichen Ansichten, die hier zusammenliegen. "Überlegen Sie einmal, woher die Leute hier zusammenkommen! Mit welch verschiedener Erziehung, mit welcher Einstellung, mit welcher Anschauung? Denken Sie darüber einmal eine Minute nach!" Er scheint diese Formulierung zu lieben.

Was bedeutet der Präsident für das Internationale Olympische Komitee? Ist er ein Kongreßleiter, ein Diktator, ein Vorsänger? Avery Brundage zögert keinen Moment: "Der Präsident – das ist die olympische Bewegung. Das war bei Coubertin so, das war auch bei seinen Nachfolgern nicht anders!" Ulrich Kaiser