Von Herbert Weichmann

Die These von Jürgen Bay (ZEIT Nr. 29/72): die amtsmüden preußischen Minister unter Otto Braun hätten sich am 20. Juli 1932 von Reichskanzler von Papen ohne Widerstand aus dem Amt jagen lassen, weil ihnen ihre Amtsenthebung gar nicht so unwillkommen gewesen sei, ist auf Widerspruch gestoßen. Ein Zeitgenosse und unmittelbarer Zeuge dieser Vorgänge, der ehemalige Hamburger Bürgermeister Weichmann, seinerzeit persönlicher Referent von Ministerpräsident Braun, meldet sich zu Wort.

Es ist richtig, daß Otto Braun in den letzten Jahren seiner Regierungszeit danach trachtete, den Dualismus Reich–Preußen zu beseitigen. Er hat auch aktive Schritte unternommen, um durch eine Personalunion, bei der dem Reichskanzler Brüning die Funktion eines preußischen Ministerpräsidenten zugedacht war und bei der auch einem Vorschlag Brünings entsprechend gleichzeitig die Ämter der Finanzminister durch eine Person besetzt werden sollten, einen wesentlichen Schritt in Richtung auf Verschmelzung der personellen Spitzen zu machen. Es ist aber nicht richtig, oder zumindest ist es mißverständlich ausgedrückt, diesen Vorgang dahin auszudeuten, daß "gegen diese parallele .Rechtsschwenkung in Preußen und im Reich der sozialdemokratische preußische Ministerpräsident und auch große Teile der SPD nichts einzuwenden hätten ..." Die Haltung Brauns war im Gegenteil von dem Gesichtspunkt bestimmt, hierdurch den Kurs der Konservativen und Nationalsozialisten in eine immer radikaler rechtsorientierte Politik aufzuhalten. –

Otto Braun sah voraus, daß er die preußische Position auf die Dauer und speziell im Hinblick auf die preußischen Wahlen am 24. April 1932 nicht mehr werde halten können. Er hatte schon bei der Wahl Hermann Müllers zum Reichskanzler im Jahre 1928 die Überzeugung, daß hier eine einmalige Chance zur Erhaltung der sozialdemokratischen Machtposition versäumt worden war, und zwar dadurch, daß nicht ihm das Amt des Kanzlers zugleich mit dem Amt des preußischen Ministerpräsidenten von seiner Partei angetragen worden war.

Der Vorwurf, den man Otto Braun in diesem Zusammenhang machen kann, ist nur, daß er nicht genügend persönlichen Ehrgeiz entfaltete, um diese seine Vorstellung durchzusetzen, wobei es freilich höchst fraglich ist, ob ihm die Partei gefolgt wäre.

Eine zweite verhängnisvolle Fehlleistung sozialdemokratischer Politik sah Otto Braun in dem Rücktritt der Regierung Hermann Müller. Er äußerte sich mir gegenüber damals: "Man beeinflußt den Weg der Regierung nicht, indem man neben dem Wagen herläuft; man muß auf dem Bock sitzenbleiben und die Zügel halten." Auch die Auflösung des Reichstags hielt Braun später für einen großen Fehler. Sie brachte ja dann auch die Nationalsozialisten in großer Stärke in das Parlament. Nach den Landtagswahlen 1932 sah Braun schließlich überhaupt keine Möglichkeit mehr, ohne eine gewisse Stützung Brünings der Machtergreifung durch die Rechte, also, durch die Konservativen und die Nationalsozialisten, zu steuern. Nach dem Ausgang der Preußenwahlen betrachtete er sich, wie er selbst schrieb, als erledigten Mann (Braun, "Von Weimar zu Hitler", S. 393).

Aber keinesfalls hat er sich nach den Preußenwahlen 1932 jene "Abnützungstheorie" zu eigen gemacht, wonach man sich auf das Experiment einer parlamentarischen Regierung mit den Nationalsozialisten einlassen müßte. Jürgen Bay stützt sich bei seiner Auffassung auf Äußerungen Stampfers, die gewiß seine Haltung erklärlich machen. In dem in meinen Händen befindlichen Handexemplar Otto Brauns des Stampferschen Buches (Erstausgabe) hat Braun die Stelle auf Seite 566 angestrichen und daneben handschriftlich lapidar vermerkt "Unsinn".