Der Küster lächelt entschuldigend, als er die romanischen Fundamente der Domtürme erläutert: Wie es mit der Zerstörung Bardowicks nun wirklich zugegangen sei, wisse er nicht so genau. Die Forschung bringe ja immer neue Ergebnisse, und derzeit neigten die Wissenschaftler zu der Ansicht, daß es eben nicht (wie er lange so wirkungsvoll habe erzählen können) Heinrich der Löwe war, der die Stadt im 12. Jahrhundert in Schutt und Asche legen ließ. Der Niedergang der einst blühenden Handelsstadt, so plaudert der Domhüter weiter, sei wohl eher einem allgemeinen wirtschaftlichen Abstieg zuzuschreiben, bedingt durch die dominierende Stellung des Ostseehafens Lübeck, und die Zerstörung des Doms rühre von einem ganz gewöhnlichen Brand her.

Zwar war ein so unfreundlicher Akt, wie er dem kriegerischen Gegenspieler Barbarossas nachgesagt wird, im Feudalstaat so ungewöhnlich nicht: Auch Richelieu ließ, als ein Provencestädtchen dem König den Tribut verweigerte, die Kanonen auf die Stadtmauern richten, weshalb uns Les Baus nur noch als grandioses Freiluftmuseum erhalten ist –, aber sei’s drum. Die "Spur des Löwen" (eine Tierplastik am Dom mit dieser Aufschrift soll nach neuester Bardowicker Auslegung ebenso wie die Zerstörungslegende erst im 14. Jahrhundert entstanden sein) kann weder dieses Dorf noch irgendeine andere Stadt in diesem Gebiet zwischen Ilmenau und Ostsee leugnen. Auch der Reisende, der heute auf der "Alten Salzstraße" von Lüneburg nach Lübeck fährt, begegnet überall dem Namen des ehrgeizigen Welfenherzogs. Sichtbarster Ausdruck seiner Macht sind heute noch die als Prestigebauten geplanten Dome zu Lübeck und Ratzeburg.

Einst hatte das Salz aus Lüneburgs Saline alle Städte entlang jenes alten Heer- und Handelsweges zur Ostsee reich gemacht. Auf großen Planwagen wurde bereits im 10. Jahrhundert das weiße Gold von Lüneburg bis an die Elbe, durch die Furt bei Artlenburg und weiter über Mölln nach Lübeck gebracht, von wo es per Schiff in alle Länder Nordosteuropas ging.

Wenn auch die Saline seit einiger Zeit nicht mehr besichtigt werden kann, ist es doch heute noch ein lohnendes Urlaubsunterfangen, dem Weg des Salzes zu folgen, sei es als Unterbrechung auf dem Wege nach Skandinavien, sei es als mehrwöchiger Aufenthalt. Je nach Neigung wird man diese Reise dann als Kunstfahrt, als faule Ferien an einem der 42 Lauenburgischen Seen, als Aktivurlaub oder sogar als Weinreise machen.

Der 1964 geschaffene "Naturpark Lauenburgische Seen" ist mit 170 Kilometern ausgebauter Wanderwege ein Dorado für Wanderer und Trimm-dich-Fans. Angler können sich auf Maränenfang an den Schaalsee begeben, für Pferdefreunde gibt es Reiterpensionen (rund zehn) und für ländlich gestimmte Großstädter ungezählte Bauernhöfe, auf denen man sich einmieten kann. Auch Kuren ist möglich: in Lüneburg, Mölln und Bad Schwartau.

Wassersportler, die an vielen Seen dieses Gebiets ideale Bedingungen vorfinden werden sollten sich das 500 Hektar große Kiesseeareal bei Güster ansehen, das sorgfältig aufgeforstet und mit vielen Anlegestellen versehen wurde.

Bahn- und Busreisende gelangen bequem zu jedem Urlaubsort, die Salzstraße in ihrer ganzen Ausdehnung kennenzulernen, wird aber naturgemäß das Privileg des Autofahrers bleiben: Von Lüneburg fährt man zuerst zur malerischen Elbschifferstadt Lauenburg. Der Museums-Raddampfer "Kaiser Wilhelm", der früher zur Weserflotte gehörte, dampft noch heute an wenigen Sonntagen im Jahr in Richtung Hitzacker oder Hamburg.