Von Catherine Krahmer

Catherine Krahmer, die von Paris zur großen Cranach-Ausstellung nach Weimar reiste, ist in Ostpreußen geboren, in der Normandie aufgewachsen, hat in Oxford, München und Paris Kunstwissenschaft und Soziologie studiert und an der Sorbonne promoviert, ehe sie einen Lehrauftrag an der University of Oregon (USA) erhielt. Ihr Bericht verleugnet nicht, daß sie die DDR mit den Augen einer Pariserin sah.

Ursprünglich hatte ich mich mit westdeutschen Freunden in Weimar treffen wollen, und jeder sollte sehen, auf welchem Wege er ans Ziel käme.

Die République Democratique Allemande (deutsche Abkürzung: DDR) hat – noch – keine diplomatische Vertretung in Frankreich. So war es vielleicht ungeschickt, ausgerechnet die Pariser Botschaft der Bundesrepublik zu fragen, wie ich nach Weimar, Dresden und Ostberlin reisen könne. Die Auskunft klang zögernd, doch freundlich: ich müsse mich wohl an den "Reisedienst" in Berlin, Friedrichstraße, wenden.

Drei Wochen hörte ich nichts. Dann aber kam ein Telegramm, ich möge für neun Tage in der DDR 379,40 Francs schicken. Dieser Betrag war für die Hotelzimmer gedacht (etwas weniger als 30 Mark pro Nacht). Ich sandte den Scheck und erhielt nach etlichen Wochen die Hotelscheine, also die Bescheinigung der Vorreservationen für die ganze Dauer des Aufenthaltes, die mir das Recht gaben, an der Grenze das Visum zu bekommen.Für mich hieß die Grenzstation Gerstungen; es war der Übergang auf der Zuglinie Frankfurt am Main–Weimar. Der lange Zug aus Frankfurt füllte sich erst an der Grenze. In Frankfurt waren vor allem ältere Leute eingestiegen, aber auch ein paar jüngere, nur wenige Kinder. jene, die in ihre Heimat zurückreisten, wohl hauptsächlich Leute im Ruhestand über fünfundsechzig, denen alljährlich ein Aufenthalt in Westdeutschland erlaubt ist, durften im Zug sitzen bleiben. Die anderen mußten samt ihrem Gepäck aussteigen, damit ihr "Fall" in dem Zollgebäude am Ende des Bahnsteigs abgewickelt werde.

Aber auch hier gab es Unterschiede: Da waren Menschen aus Westdeutschland, die ein genaues Ziel und bestimmte Pläne hatten (Familie oder Geschäft), und da war ich, der einzige Tourist des ganzen Zuges.

Daß ich als französischer Tourist eine kleine Sensation erregte, machte sich schon daran bemerkbar, daß zwei weitere Beamte herangezogen wurden. Der eine sprach mich auf mein "gutes Deutsch" an, worauf ich erwiderte, daß ein Paß ja nichts weiter als ein Stück Papier und mein Vater ein Deutscher sei. An dem Ausdruck seines Gesichtes konnte ich nicht recht ablesen, ob das die richtige Antwort gewesen war. Er blieb jedoch sehr höflich, viel höflicher als zu den Westdeutschen, wie mir schien, während der zweite Beamte das Gespräch plötzlich auflockerte durch folgenden Kommentar zu meinem bevorstehenden Programm: "Na, da müssen Sie sich aber auf die Socken machen, wie man bei uns sagt."