Am Zoll interessierte man sich nur für das Geld. Ich entschuldigte mich gleichsam, 1000 Mark bei mir zu haben, da ich später in den – Westen weiterzureisen wünschte. Der Zöllner wollte sie mit eigenen Augen sehen. Es blieben noch einige Minuten zum Einkauf von Schaumünzen mit dem Bildnis Ulbrichts und anderer Größen, ehe der Zug sich wieder in Bewegung setzte.

Im Waggon kam ich mit meinen Nachbarn folgendermaßen ins Gespräch: "Sie haben da einen Schmutzfleck auf Ihrem Rock", bemerkte eine Frau. "Kann ja passieren, so was." Andere gaben mir Ratschläge, wie ich mit meinem Geld in der DDR umzugehen habe: "Nicht zu viel wechseln, das ist ungünstig; in ‚Intershops‘ können Sie auch mit westlichen Währungen zahlen ..."Es waren Rentner aus der Gegend von Leipzig.

Nach einer Weile machten sie mich auf die Wartburg aufmerksam, die man rechts durch das schmutzige Fenster sah. Und plötzlich ertönte es in dem ganzen offenen Waggon: "Sehen Sie, da, die Wartburg. Die Wartburg ..." Jeder machte jeden darauf aufmerksam. Kurz vor Weimar wiederholte sich dieselbe Szene mit dem Mahnmal von Buchenwald. Wieder war der ganze Waggon daran beteiligt, das Mahnmal zu sehen. Hier hatte ich zum erstenmal den Eindruck, daß in der DDR alles geteilt und mitgeteilt wird. Ich in meiner Ecke mit meinem Buch kam mir gemeinschaftsfremd vor.

Am Weimarer Bahnhof war es mit Taxis schlecht bestellt. Ein deutscher Rucksack statt des Koffers wäre das Richtige gewesen, dachte ich mir. So stieg ich in den Bus der Linie eins, der sich in kurzer Zeit mit lauter Schulkindern bis zum Bersten füllte. "Wenn du nicht direkt nach Hause gehst", so mahnte die Lehrerin einen Jungen, "dann wirst du heute abend nichts zu essen kriegen", als ob sie das Recht hätte, ins Familienleben einzugreifen. Der Ton ihrer Stimnie berührte mich unangenehm.

Am Wielandplatz stieg ich aus, überquerte die Straße, ich war am Frauenplan mit seinem Goethehaus, ging ein Gäßchen hinunter zum Marktplatz, an dem das Hotel "Elephant" liegt. Bürger von Weimar sahen mir nach. Der Schmutzfleck fiel mir wieder ein, dann bemerkte, ich aber, daß der modische Schnitt meines Kostüms ihre Aufmerksamkeit erregte.

Verführt durch "Lotte in Weimar" von Thomas Mann, hatte ich im "Elephanten" absteigen wollen. Man hatte mir den Gefallen getan, da es ohnehin das "beste Haus am Platze" ist. Halle und Gänge des Hotels sind großzügig und breit, die Zimmer dafür klein, aber anheimelnd. Über dem Bett die Reproduktion von Spitzwegs "Armem Poeten", von echtem Efeu umrankt.

Unten, am Empfang, erkundigte ich mich nach der großen Lucas-Cranach-Ausstellung zur Wiederkehr seines fünfhundertsten Geburtstags, die der eigentliche Anlaß meiner Reise war. Sie sollte an diesem Tag feierlich eröffnet werden. Der Portier sagte und wiederholte noch: "Es handelt sich bei den heutigen Festlichkeiten um eine geschlossene Gesellschaft." Auch als ich ihm sagte, ich hätte mit Herrn Pommeranz-Liedtke, dem Direktor der Kunstsammlungen von Weimar, Briefe gewechselt, blieb er bei seiner Abwehr: "Geschlossene Gesellschaft."