So machte ich meinen ersten Stadtrundgang. Auffallend und angenehm der geringe Verkehr, aber immer wieder ein Erschrecken darüber, wie rabiat die Leute Auto fuhren: um so gefährlicher, als es in dieser Stadt von sechzigtausend Einwohnern (zu Goethes Zeiten waren es sechstausend) bis auf ein oder zwei Signale an Kreuzungen keine Verkehrsampeln gibt.

Süße Erbsen im "Elephanten"

Sommerabend. Wenig Leute auf der Straße. Wenig Leben. Wenig Farben. Der Putz der Häuser meist grau und schmutzig, so daß die an ihnen angebrachten Slogans in roten Lettern auf weißen Leinwandfahnen desto besser ins Auge fielen: "Auf der Seite der Genossen wollen wir heute das Morgen bauen." "Fleiß zieht an." "Was der VIII. Parteitag beschloß, wird sein!" "Freizeit sinnvoll nutzen! Aktiv erholen!" und viele andere. Und an prominenter Stelle hier wie später in anderen Städten: "Es lebe die Deutsch-Sowjetische Freundschaft", dies manchmal sogar in Leuchtschrift.

Diese Slogans fielen um so mehr auf, als es kommerzielle Werbung kaum gab. Aber auch diese hatte ihren Reiz von Allgemeingültigkeit: "Ein frisches Ei zum Frühstück ist gesund, jetzt Frühlingspreise", so hieß es mit jahreszeitlicher Verspätung. Oder die Reklame für ein Museum, das in der DDR immer Eintrittsgeld kostet: "Mehr Freude, mehr Wissen".

Daneben wirkten die kleinen Inschriften auf Holztäfelchen an den historischen Häusern vornehm und bescheiden: "Schillerhaus" oder "Hier wohnte Eckermann" oder der Hinweis, daß Franz Liszt "in diesem ehemaligen Kloster" die später nach ihm benannte Musikhochschule gründete, oder die Inschrift an dem schönsten, frischrestaurierten Haus am Markt, in dem Lucas Cranach der Ältere sein letztes Lebensjahr verbrachte:

Es gibt aber noch eine andere Kategorie Tafeln: aus Metall. Am Deutschen Nationaltheater von Weimar waren gleich drei angebracht. Erstens die Erinnerung an die hier verkündete "Weimarer Verfassung". Zweitens das Andenken an das Zusammentreffen des nach Europa zurückgekehrten Thomas Mann und des zum Minister erhobenen Lyrikers Johannes R. Becher. Drittens aber eine merkwürdige Mahntafel, die davon spricht, daß die "Faschisten" 1945 an der Zerstörung des inzwischen vom Volke wieder hergestellten Theaters die Schuld trügen.

Ich fragte einen jungen Mann, ob es sich da nicht ganz allgemein um deutsche Vergangenheit handele, aber er sagte: "Wir hier, in der DDR, distanzieren uns eben mehr von dieser Vergangenheit als die Westdeutschen; wir haben damit nichts mehr zu tun."