Abends speiste ich im "Elephanten": "Hühnerfrikassee mit Reis" und – o Schreck! – süßen Erbsen. Es passierte, was ich gefürchtet hatte. Der Kellner: "Es hat wohl mal wieder nicht geschmeckt/ Es sollte mein erstes und letztes warmes Essen in Weimar sein.

Aber schwelgerisch ging es beim Frühstück zu (und dies auch an anderen Orten, wobei das Frühstück im Zimmerpreis nicht inbegriffen ist). Da standen auf einer langen Tischplatte kalte und warme Würste, Käse und geschnittener Braten, angemachter Gemüsesalat und, wenn auch selten, frisches Obst. In dieser Hinsicht geht es also in Ostdeutschland skandinavisch zu. Doch garantiert die reiche Frühstückskarte nicht, daß man all das auch in den Geschäften kaufen kann.

Bei dem warmem Wetter machte ich mir Hoffnung auf Fruchtsaft, hatte ich doch im "Elephanten" ein Glas Apfelsaft bekommen. Ich stellte mich in einem Laden für Getränke an. "Einen Fruchtsaft, bitte." "Haben wir nicht." "Apfelsaftzum Beispiel?" Jetzt war die Antwort nur Gelächter der Verkäuferin und der Hausfrauen, die hinter mir standen.

Am nächsten Tag im Goethe-Museum. Ein Wärter: "Sie sind aus Paris? Na, so was! Wie gefällt es Ihnen denn bei uns?" "Ach Gott, wissen Sie ... nur das Essen ist in Frankreich doch etwas besser." "Was? Schmeckt es Ihnen bei uns nicht?" "Doch, doch, nur, Sie wissen ja, die französischen Weine..." "Ja, die Weine, das stimmt, die haben wir hier nicht." Und um den Wärter wieder ganz zu beruhigen: "Wissen Sie, in England zum Beispiel ist das Essen ja noch viel schlechter." Ich erzählte ihm auch, daß Thomas Mann mich auf den "Elephanten" gebracht hätte. "Haben Sie ‚Lotte in Weimar‘ gelesen?" "Nein, ich lese nie." "Auch nicht die Werke des Meisters Goethe?" "Auch nicht." "Aber Sie wissen doch so gut Bescheid." "Ja, das gehört zum Beruf."

Später, in Dresden, fielen mir die Unterschiede zwischen Groß- und Kleinstadt auf.’ Nicht nur, daß es in der Großstadt mehr zu kaufen gab, auch die Leute waren anders: offener und rücksichtsloser. In Ostberlin hatte ich schließlich das Gefühl, im Vergleich zu Weimar schon beinahe im Westen zu sein. Man kann vielleicht sagen, daß der Unterschied zwischen Ost- und Westberlin geringer ist als der zwischen Ostberlin und Weimar.

Carl August und Goethe

In Ostberlin konnte ich ganz frei mit Studenten und anderen diskutieren – sie sind ja einigermaßen informiert durch das westdeutsche Fernsehen –, während in Weimar eine pensionierte Gesangsprofessorin ihre Stimme senkte, als sie mir am Frühstückstisch erzählte: "Meine Tochter ist Ärztin. Sie ist kürzlich zu einem Kongreß nach Budapest geflogen. Das war ein großes Glück für sie, denn nach Ungarn, kommt man schwer, im Gegensatz zur Tschechoslowakei und, zu Polen. ‚Weißt du, Mutter‘, sagte sie, ‚sollten wir, dank eines Luftpiraten, in Paris landen, werde ich zwei Wochen dort bleiben, dann aber doch zurückkommen.‘ Auchmein Traum ist es seit eh und je gewesen, einmal nach Paris zu reisen." Sie war so neugierig auf alles aus Paris und wollte mich unbedingt am nächsten Tag mit der Tochter zusammenbringen. In Ostberlin hingegen waren Nachrichten aus Paris nichts Außerordentliches. Man sprach sozusagen auf gleicher Ebene: So bei euch, so bei uns.