Nicht zu übersehen ist der große Abstand zwischen der älteren und den jüngeren Generationen, und dies nicht nur in Weimar. Dort, in der Herderkirche, kam ein älterer Mann auf mich zu: "Vielleicht wissen Sie, daß das Hauptaltarbild mit der Kreuzigung das allerletzte Werk des achtzigjährigen Lucas Cranach ist? Hier hat er sich selber unter dem Kreuz neben seinem Freund Luther dargestellt. Ein stolzer, großer Maler." Er ließ die Geschichte der Kirche wieder aufleben, die Umgestaltung des gotischen Raumes zu einer protestantischen Kirche mit Emporen, die Predigten von Herder. Und von der Gegenwart sagte er: "Zum Gottesdienst kommen am Sonntag etwa hundert Leute, und an großen Feiertagen füllt sich die Kirche sogar."

Seine Art war bescheiden, gar etwas resigniert. Die Jungen haben nichts dergleichen. Sie behaupten sich in ihrer unbekümmerten Selbstverständlichkeit und erinnerten mich noch am ehesten an die Jugend, mit der ich in Amerika Umgang hatte. Es war etwas in ihrer Haltung, das ausdrückte: Dieses Land gehört uns! Und wenn in Potsdam am Eingang des Parks von Sanssouci steht: "Dieser Garten ist Volkseigentum", so sind das keine leeren Worte. Würde man in Frankreich Besucher fragen, wem Versailles oder der Louvre gehöre, würde man vermutlich die Antwort erhalten: dem Staat. Und dem entspricht auch ihr Verhalten. Die einfachen Leute bei uns in Frankreich bewundern voller Ehrfurcht, die große Vergangenheit – "Das waren noch Zeiten!" In der DDR sind die Schätze nun jedermanns Eigentum: diese "Früchte einstiger Ausbeutung".

Auch die kulturelle Vergangenheit wird offensichtlich allein, nach den Prinzipien des dialektischen Materialismus gesehen. Alle Hinweise inden Museen deuten darauf hin: Goethe beispielsweise ging nach Italien, weil er sich als bürgerlicher Minister nicht mehr gegen Carl August und den Hof durchsetzen konnte.

Gleichzeitig, wird versucht, die Geschichte zu aktualisieren. In der Vorankündigung zu einer wissenschaftlichen Heine-Konferenz, die vom 6. bis 9. Dezember 1972 in Weimar stattfinden, soll über das Thema "Heinrich Heine – streitbarer Humanist und volksverbundener Dichter", wird sich ein Hauptreferat mit dem Problem befassen: "Zur Rezeption seines Werkes in der sozialistischen Kultur und Kunst"; ein anderes mit "Heinrich Heine, Dichter in der Periode der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft und der Entstehung der revolutionären Arbeiterbewegung".

Dresden ist immer noch eine Großstadt. Am Bahnhof stand zwar eine lange Schlange von Ankömmlingen, die auf ein Taxi warteten, aber mit Geduld erreichte jeder sein Ziel. Als ich schon im Taxi saß, hörte ich allerdings eine Stimme hinter mir: "So was! Ein ganzes Taxi für eine einzige Person." Wir fuhren eine gerade Strecke hinunter bis zum Hotel Astoria, rechts und links Wiesen mit Baracken, in der Ferne einzelne Hochhausblocks. Im Hotel erkundigte ich mich, wie ich in das Zentrum komme. "Was nennen SieZentrum? Den Zwinger?" "Ja, zumBeispiel." Erst später merkte ich, daß die Frage berechtigt war: Dresden ist seit jenen lang vergangenen Bombennächten eine Stadt, ohne Zentrum, traurig und verwirrend auch für jemanden, der sie früher nicht gekannt hat. Die Entfernungen sind groß, und die neuen Etagenhäuser liegen wie zerstreut in einem großen, noch unbebauten Feld.

Ich stieg in den Autobus, der einen Zahlautomaten hatte: "Entschuldigen Sie, wieviel muß ich da einwerfen?" "Zwanzig Pfennig." "Ich hab’ leider nur eine Mark." "Das ist schlecht." Da niemand Anstalten machte, mir zu helfen, warf ich das Markstück ein. Später, in der Trambahn, zählte ich zum Ausgleich dann nicht mehr. Auch das bewegte niemanden.

Ein anderes Mal in Berlin, Bahnhof Friedrichstraße: "Entschuldigen Sie bitte, komme ich von hier aus nach. Potsdam?" "Ick bin doch keene Auskunftsstelle." Als ich in Ostberlin mein Erstaunen über solche recht verbreitete Unhöflichkeit aussprach, meinte ein Student der Zahnmedizin: "Das gehört sozusagen zum System." "Wie habe ich das zu verstehen?" "Die Leute fühlen sich hier so sicher und beschützt, daß sie nicht höflich zu sein brauchen. Wenn Sie aber wirklich um Hilfe bitten, wird es Ihnen hier nie daran fehlen. Anders als im Westen. Neulichsah ich einen Filmbericht im westdeutschen Fern-