Denk ich an "Mahlzeit"...

Von Neal Ascherson

Als Besucher aus England kommt man sich in Deutschland leicht unterernährt vor. Das ist nicht physisch gemeint – also: nicht nur physisch. Natürlich sind die Deutschen schwergewichtiger als die Briten – was schon zu unfreundlichen Verallgemeinerungen geführt hat –, aber es gibt Beweise dafür, daß in jedem dürren Engländer ein dicker Engländer steckt, als welcher er auch nur allzu gern auftreten würde. Zur Zeit hängt in jedem Londoner Büro ein Bild der Dame Gerd, jener appetitlich-formenreichen Werbung in westdeutschen Zeitschriften für Fujica-Kameras. Und mürrische’ Sekretärinnen werfen mißtrauisch-spekulierende Blicke auf das Plakat, während sie ihren grünen Apfel und bräunliche Salatblätter zum Lunch verzehren. Emanzipation könnte Synonym werden für das Recht, wie Gerd aussehen zu dürfen – ohne Schuldgefühle.

Nein, ich meine es doch im übertragenen Sinne. Sich unterernährt vorkommen, heißt, ein Gefühl der Wurzellosigkeit, der Unbestimmtheit zu bekommen, wenn man mit der äußeren Gediegenheit bundesdeutschen Lebens konfrontiert wird. Alles wandelt sich, die Städte verändern ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit, und doch scheinen die Menschen das Fortschreiten der Zeit kaum zu bemerken.

Als ich nach vielen Jahren nach Bonn zurückkehrte, sah ich mich den neuen Gebäuden auf dem Tulpenfeld gegenüber, jenem rheinischen Brasilia. Aber in seinem Schatten gehen immer noch die gleichen Sekretärinnen und Boten und Angestellten langsam und würdevoll zum Mittagessen und sagen "Mahlzeit" zueinander. "Ach, Herr Ascherson", sagte jemand mit freundlichem Lächeln, "lassen Sie sich doch nieder?" Es ist neun Jahre her, daß ich nach Bonn kam, und sechs, seit ich es verließ. Er sah gesund aus, der Frager, ein Mann, der wußte, wo er hingehörte. Wenn die Zeit ein Fluß ist, so war seine Zeit ein klarer reiner Bach aus Fachinger. Für mich ist Zeit ein reißender Strom heißer Suppe, voll unerwarteter Klumpen, undurchsichtig.

Ich spürte das Verlangen, mich aufzurichten, wollte so unerschüttlich und selbstbewußt aussehen wie er. Ein unschönes Gefühl der Eifersucht packte mich. Es war nicht unbedingt seine Sicherheit, die ich auch gern besessen hätte, nicht seine gute Gesundheit oder seine höchst begehrenswerte Armbanduhr. Ich erkannte, in plötzlicher Selbstverachtung, daß ich sein Geld wollte. Ich hatte Lust, die Brieftasche herzunehmen, all die blauen und braunen Banknoten herauszuholen und damit meine Brieftasche zu füllen. Ich kam mir unterernährt vor.

Ich erinnere mich an die große Gruppe britischer Journalisten, die ehemals so gut in Bonn gelebt hatte. Nur wenige sind übrig geblieben. Sie wurden nicht etwa abberufen, weil die Welt ein globales Dorf geworden ist, oder weil das Fernsehen Zeitungen überflüssig gemacht hat. Sie mußten gehen, weil ihre Arbeitgeber die Lebensmittelrechnungen in Bad Godesberg nicht mehr bezahlen konnten. Heute gibt es dort nur noch zwei oder drei britische Journalisten. Sie kaufen in obskuren Discountläden ein. Abwertung, Wiederaufwertung und die steigenden Preise in Westdeutschland haben endgültig dem halb-kolonialen Status der Briten in der Bundesrepublik ein Ende gesetzt, und in mancherlei Hinsicht bin ich froh darüber.

Wenn ich heute nach Bonn komme, wohne ich entweder mit ungarischen und ägyptischen Kollagen in einem winzigen Hotel, das einem persischen Teppichgeschäft angeschlossen ist, oder ich fliege, wenn die Perser ausgebucht sind und ich in einem der großen Hotels wohnen muß, an jedem Wochenende zurück nach London. Selbst den Preis für ein Rückflugticket eingerechnet, ist es so billiger, als zwei weitere Nächte im "Tulpenfeld" oder "Königshof" zu wohnen.

Denk ich an "Mahlzeit"...

Ein britischer Besucher nimmt hier langsam, unmerklich, die Verhaltensformen eines verunsicherten Provinzbewohners an, der zum erstenmal in die Hauptstadt kommt: Er gibt ein viel zu großes Trinkgeld. Er nimmt demonstrativ ein Taxi hinaus zum Stadtwald und geht dann im Regen zu Fuß ins Hotel, hoffend, daß der Poltier den Schmutz an seiner Hose nicht bemerkt. Er frühstückt fürstlich, aber sein Mittagessen wird aus einer Currywurst und einer Flasche Fanta bestehen. Und schließlich, wie alle, die in einer deutschen Großstadt etwas Geborgenheit suchen, wird es ihn zum Hauptbahnhof ziehen.

Da sieht man dann die vertrauten Gruppen der Griechen, die jeder in einem Exemplar der Zeitung "Makedonien" lesen, man sieht eisessende Sizilianer und Türken sehnsüchtig auf die Stahlschienen starren, die irgendwie eine Verbindung zur Heimat sind.

Hier gibt es kleine, blitzende Feinkostläden und Bars, die Bier und Buttermilch verkaufen, und intellektuelle Buchläden (meist mit Underground-Literatur), in denen schöne, ernstaussehende Mädchen sorgfältig schwedische Broschüren über die Varianten geschlechtlicher Liebe studieren. Bewaffnete Polizisten beraten über einen jungen Mann, der gerade ein verdächtiges Bündel in ein Schließfach legt. Im Münchner Hauptbahnhof scheint mir seit acht Jahren dieselbe Gruppe alter Männer an demselben Tisch über denselben halb leergetrunkenen Bierkrügen die Schlacht am Kursker Bogen zu diskutieren. Deutsche Bahnhöfe wirken tröstlich.

Und auch die Hotels sind besser geworden. Die düsteren Pensionen mit Namen wie "Haus Starkenburg", in denen britische Besucher beim Anblick von Kernsprüchen, wie "Mein Haus ist meine Welt Immer raus wem’s nicht gefällt" das Zittern bekommen, scheinen von der Bildfläche verschwunden. Selbst der neue "Intercontinental"-Typ von Hotel, dessen Räume so einheitlich sind, daß sogar ein total betrunkener Gast die Geographie instinktiv erfaßt, auch ohne zu wissen, ob er nun in Stuttgart oder in Santiago ist, haben ein menschlicheres Antlitz bekommen: durch türkische Portiers, italienische Empfangschefs und Kellner, die aus dem klassischen Land moderner europäischer Kellner stammen: aus Spanisch Galizien. Sie lachen, fangen eine Unterhaltung an und sagen es einem auf den Kopf zu, wenn man krank aussieht, buchstabieren die Menüs falsch und singen in den Korridoren. Lassen Sie uns an dieser Stelle endlich auch die Legenden in Sachen Frühstück beenden. Zeigen Sie mir ein britisches Provinz-Hotel, das seinen Gästen knusprig-frische Brötchen, drei Sorten Brot, guten Kaffee und bulgarische Erdbeermarmelade offeriert, gar nicht zu reden von Wurst und Käse.

Auch die Lifts muß ich erwähnen. Der Paternoster ist im Aussterben. Ich selbst finde es schade, weil es ein herrliches Spiel ist, zu raten, welcher Kopf wohl welchen Füßen folgen wird. Aber die Engländer werden froh sein. Wie alle meine Landsmänner glaubte ich, daß ich plattgedrückt oder auf den Kopf gestellt werden würde, falls ich es versäumen sollte, im obersten Stock herauszuspringen, bevor der Paternoster über geheimnisvolle Räder auf dem Dachboden läuft. Es war im Pressehaus in Hamburg, im Haus der ZEIT, wo ich zum erstenmal das oberste Stockwerk verpaßte. Ich warf mich auf den Boden des Fahrkorbs und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Vielleicht hat das Paternosterproblem noch eine tiefere Bedeutung. Deutsche Freunde haben meine Todesangst nie ganz verstanden, sie sagen mit Recht: "Wenn es gefährlich wäre, würde ihn niemand benutzen." Deutsche und Engländer haben immer noch nicht gelernt, ihre wechselseitigen privaten Probleme ernst zu nehmen. Vor vielen Jahren schrieb ich in dieser Zeitung, daß mir vor Angst heiß und kalt wurde, als ich mich das erstemal in einem Eisenbahnabteil mit lauter deutschsprechenden Leuten allein sah. Ich erhielt daraufhin eine Anzahl freundlicher Leserbriefe, die dieses unverständlich fanden: Ich würde sicherlich übertreiben. Andererseits finden Engländer die panische Angst vor der Baader-Meinhof-Gruppe unverständlich. Ich kenne Menschen, die seit Monaten im Gefängnis sitzen, ohne daß ihnen der Prozeß gemacht wird, während die Massenmedien die "Volksfahndung" oder "innere Feinderklärung" proklamieren und die Polizei elitäre Gegen-Guerillatruppen aus Scharfschützen aufstellt, so, als sei die Bundesrepublik Vietnam. Wenn Bonn nicht Weimar ist, dann ist sicherlich Stuttgart auch nicht Saigon. Das jedenfalls dachte Iain Macleod.

Durch solche Mißverständnisse lassen sich jedoch die meisten Besucher nicht stören. Engländer rollen in Bussen über die Autobahnen und hoffen, Bier, Wein und etwas zum Lachen zu finden, wenn man sie herausläßt. Der Vorort im East End von London, in dem ich wohne, hat viele Patenstädte in Westdeutschland. Amateurboxer-Teams, die von den speziellen Kunden und Freunden wichtiger Labour-Stadträte begleitet werden, reisen an die Ruhr oder nach Bayern, wo sie mit allen bürgerlichen Ehren empfangen werden: mit Einladungen für die Stadtbühne und teuren Bildband-Geschenken und Emailleabzeichen mit dem Stadtwappen. Dann kommen sie zurück – mit fürchterlichem Kater, aber glücklich. Wenn dann eine westdeutsche Delegation den Besuch erwidert, zeigt man ihnen den Tower von London, kauft ihnen Bier in einem Pub (vorzugsweise in dem des ehemaligen Boxers, dessen Schwager der örtliche Labour-Parteisekretär ist), führt sie möglicherweise ins Kino, um einen amerikanischen Film über britische Geschichte zu sehen, und schenkt ihnen große Papierrosetten mit der Aufschrift "Chelsea" oder "West Harn". Man erwartet von ihnen, daß sie englisch sprechen. Ich hoffe, sie sehen das als einen fairen Handel an.