Ein britischer Besucher nimmt hier langsam, unmerklich, die Verhaltensformen eines verunsicherten Provinzbewohners an, der zum erstenmal in die Hauptstadt kommt: Er gibt ein viel zu großes Trinkgeld. Er nimmt demonstrativ ein Taxi hinaus zum Stadtwald und geht dann im Regen zu Fuß ins Hotel, hoffend, daß der Poltier den Schmutz an seiner Hose nicht bemerkt. Er frühstückt fürstlich, aber sein Mittagessen wird aus einer Currywurst und einer Flasche Fanta bestehen. Und schließlich, wie alle, die in einer deutschen Großstadt etwas Geborgenheit suchen, wird es ihn zum Hauptbahnhof ziehen.

Da sieht man dann die vertrauten Gruppen der Griechen, die jeder in einem Exemplar der Zeitung "Makedonien" lesen, man sieht eisessende Sizilianer und Türken sehnsüchtig auf die Stahlschienen starren, die irgendwie eine Verbindung zur Heimat sind.

Hier gibt es kleine, blitzende Feinkostläden und Bars, die Bier und Buttermilch verkaufen, und intellektuelle Buchläden (meist mit Underground-Literatur), in denen schöne, ernstaussehende Mädchen sorgfältig schwedische Broschüren über die Varianten geschlechtlicher Liebe studieren. Bewaffnete Polizisten beraten über einen jungen Mann, der gerade ein verdächtiges Bündel in ein Schließfach legt. Im Münchner Hauptbahnhof scheint mir seit acht Jahren dieselbe Gruppe alter Männer an demselben Tisch über denselben halb leergetrunkenen Bierkrügen die Schlacht am Kursker Bogen zu diskutieren. Deutsche Bahnhöfe wirken tröstlich.

Und auch die Hotels sind besser geworden. Die düsteren Pensionen mit Namen wie "Haus Starkenburg", in denen britische Besucher beim Anblick von Kernsprüchen, wie "Mein Haus ist meine Welt Immer raus wem’s nicht gefällt" das Zittern bekommen, scheinen von der Bildfläche verschwunden. Selbst der neue "Intercontinental"-Typ von Hotel, dessen Räume so einheitlich sind, daß sogar ein total betrunkener Gast die Geographie instinktiv erfaßt, auch ohne zu wissen, ob er nun in Stuttgart oder in Santiago ist, haben ein menschlicheres Antlitz bekommen: durch türkische Portiers, italienische Empfangschefs und Kellner, die aus dem klassischen Land moderner europäischer Kellner stammen: aus Spanisch Galizien. Sie lachen, fangen eine Unterhaltung an und sagen es einem auf den Kopf zu, wenn man krank aussieht, buchstabieren die Menüs falsch und singen in den Korridoren. Lassen Sie uns an dieser Stelle endlich auch die Legenden in Sachen Frühstück beenden. Zeigen Sie mir ein britisches Provinz-Hotel, das seinen Gästen knusprig-frische Brötchen, drei Sorten Brot, guten Kaffee und bulgarische Erdbeermarmelade offeriert, gar nicht zu reden von Wurst und Käse.

Auch die Lifts muß ich erwähnen. Der Paternoster ist im Aussterben. Ich selbst finde es schade, weil es ein herrliches Spiel ist, zu raten, welcher Kopf wohl welchen Füßen folgen wird. Aber die Engländer werden froh sein. Wie alle meine Landsmänner glaubte ich, daß ich plattgedrückt oder auf den Kopf gestellt werden würde, falls ich es versäumen sollte, im obersten Stock herauszuspringen, bevor der Paternoster über geheimnisvolle Räder auf dem Dachboden läuft. Es war im Pressehaus in Hamburg, im Haus der ZEIT, wo ich zum erstenmal das oberste Stockwerk verpaßte. Ich warf mich auf den Boden des Fahrkorbs und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Vielleicht hat das Paternosterproblem noch eine tiefere Bedeutung. Deutsche Freunde haben meine Todesangst nie ganz verstanden, sie sagen mit Recht: "Wenn es gefährlich wäre, würde ihn niemand benutzen." Deutsche und Engländer haben immer noch nicht gelernt, ihre wechselseitigen privaten Probleme ernst zu nehmen. Vor vielen Jahren schrieb ich in dieser Zeitung, daß mir vor Angst heiß und kalt wurde, als ich mich das erstemal in einem Eisenbahnabteil mit lauter deutschsprechenden Leuten allein sah. Ich erhielt daraufhin eine Anzahl freundlicher Leserbriefe, die dieses unverständlich fanden: Ich würde sicherlich übertreiben. Andererseits finden Engländer die panische Angst vor der Baader-Meinhof-Gruppe unverständlich. Ich kenne Menschen, die seit Monaten im Gefängnis sitzen, ohne daß ihnen der Prozeß gemacht wird, während die Massenmedien die "Volksfahndung" oder "innere Feinderklärung" proklamieren und die Polizei elitäre Gegen-Guerillatruppen aus Scharfschützen aufstellt, so, als sei die Bundesrepublik Vietnam. Wenn Bonn nicht Weimar ist, dann ist sicherlich Stuttgart auch nicht Saigon. Das jedenfalls dachte Iain Macleod.

Durch solche Mißverständnisse lassen sich jedoch die meisten Besucher nicht stören. Engländer rollen in Bussen über die Autobahnen und hoffen, Bier, Wein und etwas zum Lachen zu finden, wenn man sie herausläßt. Der Vorort im East End von London, in dem ich wohne, hat viele Patenstädte in Westdeutschland. Amateurboxer-Teams, die von den speziellen Kunden und Freunden wichtiger Labour-Stadträte begleitet werden, reisen an die Ruhr oder nach Bayern, wo sie mit allen bürgerlichen Ehren empfangen werden: mit Einladungen für die Stadtbühne und teuren Bildband-Geschenken und Emailleabzeichen mit dem Stadtwappen. Dann kommen sie zurück – mit fürchterlichem Kater, aber glücklich. Wenn dann eine westdeutsche Delegation den Besuch erwidert, zeigt man ihnen den Tower von London, kauft ihnen Bier in einem Pub (vorzugsweise in dem des ehemaligen Boxers, dessen Schwager der örtliche Labour-Parteisekretär ist), führt sie möglicherweise ins Kino, um einen amerikanischen Film über britische Geschichte zu sehen, und schenkt ihnen große Papierrosetten mit der Aufschrift "Chelsea" oder "West Harn". Man erwartet von ihnen, daß sie englisch sprechen. Ich hoffe, sie sehen das als einen fairen Handel an.