Von Dietrich Strothmann

Pathos stellt sich leicht ein, wo vom Pastoralen die Rede ist. Klischees sind schnell zur Hand, sobald über Kirche gesprochen wird. Woran liegt das? Daran etwa, daß Menschen immer wieder versuchen, von Gott zu reden, von Himmel und Hölle, Engeln und Teufeln? Frömmigkeit verleitet zu Wehleidigkeit, Bekenntnis zum Bramarbasieren. Kirche heute will modern sein und wird dabei häufig nur modisch. Sie lebt vom Kreuz und hat ihr eigenes Kreuz zu tragen.

Philip A. Potter, dieser Tage von den 120 Mitgliedern des Zentralkomitees beim Weltkirchenrat in Utrecht einstimmig zum Generalsekretär gewählt – kurz vor seinem 51. Geburtstag –, kennt die Anfechtungen zur Genüge, denen ein Kirchenmann, noch dazu ein Kirchenfunktionär ausgesetzt ist: Mit wieviel Zungen muß er reden? Wieviel Weltlichkeit verträgt der Glaube, wieviel Menschlichkeit, christliches Handeln?

Auch Potter ist einer, der es sich schwermacht mit seiner Kirche, seinem Glauben, seinem Amt. Aber anders als seine Vorgänger in der Genfer Zentrale – der 72jährige Willem Visser’t Hooft und der 65jährige Eugene Carson Blake – plagt ihn keine Vergangenheit für die er büßen müßte, lastet kein Verschulden auf ihm, das er abzutragen hätte: Er ist, nach dem Holländer Hooft, der in der Tradition einer jahrhundertealten Vormacht europäischer Theologie stand (und sie zu überwinden trachtete), und nach dem Amerikaner Blake, der als Bürgerrechtler im Priesterrock wider die Rassensünden seiner Väter aufstand, ein unbeschwerter, unbelasteter Christ.

Potter, geboren in Dominique, einer Insel der Kleinen Antillen, ist der erste farbige Genfer "General". Seine Wahl ist ein Zeugnis: Die Kirche der Dritten. Welt hat ihren Platz neben den Kirchen Europas und Amerikas eingenommen als gleichberechtigter Partner, vielleicht sogar als ihr Erneuerer, jedenfalls nicht als eine "junge" Kirche, die nun den "alten" Kirchen die Leviten lesen will für vergangene Fehler und Versäumnisse.

Philip Potter zum Beispiel, von Haus aus Methodist und Missionar, Prediger und nun auch Politiker (in seinen Funktionen als Mann des Genfer "Apparats"), ist kein Ankläger, kein Protestierer. Als wäre es eine Nebensache, erzählt er, daß seine Vorfahren als Sklaven aus Westafrika nach Westindien geschafft wurden, auf einem Schiff, das "Jesus" hieß. Als Spaß, der zum Lachen reizen soll, flocht er in seine Utrechter Dankrede diese Anekdote aus seinem Heimatland ein: Gott rief eines Tages die Vertreter der Völker zu sich und fragte sie nach ihren Wünschen. Als die Reihe an den Mann von den Antillen kam, meinte der bescheiden, er sei nur mit den anderen mitgegangen.

Komplexe kennt Potter nicht. Wäre das Wort nicht verdächtig, hätte es nicht seinen ursprünglichen Sinn eingebüßt, so ließe sich von ihm sagen: Er ist von naiver Frömmigkeit. Potter, hochgebildet, weitgereist, welterfahren, hat sich einen natürlichen Glauben bewahrt: an die Kraft der Botschaft, an die Gewalt des biblischen Wortes und an die Gnade des Kreuzes.