Von Dieter Buhl

Sein Weg endete dort, wo er vor fast einem halben Jahrhundert begonnen hatte: in einem kleinen Berberdorf im Hohen Atlas. Es war eine trostlose Heimkehr. Nur wenige Menschen umstanden das Grab; kein feierliches Totengebet erklang, denn nach islamischem Ritus steht es einem Selbstmörder nicht zu. Ein Begräbnis dritter Klasse für Mohammed Oufkir, der noch wenige Tage zuvor Marokkos zweitmächtigster Mann gewesen war.

Der General war das prominenteste Opfer des Attentatsversuches, der einem anderen gegolten hatte. Hassan II., absoluter Herrscher des scherifischen Königreiches, sollte ermordet werden – zum zweiten Mal innerhalb von dreizehn Monaten. Doch wie im Juli des vergangenen Jahres, als fanatisierte Kadetten die Geburtstagsfeier, des Monarchen im Schkirat-Palast in ein Blutbad verwandelt und über 90 Gäste getötet hatten, entkam der König, auch diesmal unverletzt. War es Zufall, Kaltblütigkeit oder "Baraka", jene beinah mythische Fähigkeit des Überlebens, die dem Herrscher von seinen Untertanen zugeschrieben wird? Fast läßt sich keine rationale Begründung dafür finden, daß der König auch diesmal mit heiler Haut davonkam.

Ein Gepäckträger auf dem Flugplatz Rabat-Sale erinnerte sich Stunden später: "Erst als wir das Ding mit einer großen Rauchfahne runterkommen sahen, wußten wir, daß etwas nicht in Ordnung war." Aber da hatte der König die größte Gefahr bereits überstanden.

Die tödliche Bedrohung kam am vergangenen Mittwoch gegen. 16.10 Uhr aus Marokkos heiterem Himmel. Vor der afrikanischen Küste näherten sich vier Jagdbomber vom Typ ‚,Northrop" F-5, jene leichten Überschalljets, die, ausgerüstet mit zwei 20-mm-Kanonen und zwei Sidewinder-Raketen, Rückgrat und Stolz der kleinen marokkanischen Luftwaffe sind. Sie sollten die Boeing 727 der "Royal Air Maroc" begleiten, die den König nach einem dreiwöchigen Frankreich-Urlaub heim in sein Reich brachte. Die übliche Eskorte, so dachten die 60 Insassen der Sondermaschine. Dann aber, über der Stadt Tetuán, feuerte plötzlich einer der Kampfpiloten auf die Königs-Boeing. "Sie schießen auf uns", hörten die entsetzten Beobachter im Kontrollturm des Zivilflughafens von Rabat. "Wir haben diese Burschen zwar in den Vereinigten Staaten ausgebildet", meinte nachher ein amerikanischer Diplomat in der marokkanischen Hauptstadt, "aber zum Glück für den König waren sie miserable Schützen." Ganz so schlechte Kanoniere sind die marokkanischen Piloten möglicherweise gar nicht. Aber bei ihrem Angriff ließen sie sich durch einen Appell aus der schwerbeschädigten Boeing davon abhalten, das Gegenteil zu beweisen. Der Funker bat sie, das Feuer einzustellen, da der König im Sterben liege und die Piloten schwerverwundet seien. Der Monarch selber soll auf diesen Trick gekommen sein.

Ob Hassan wirklich die kaltblütige Entschlossenheit bewies, oder ob sie ihm, wie oft zuvor, von byzantinischer Phantasie angedichtet wurde, wird sich nie beweisen lassen. Auch über dem, weiteren Ablauf des Dramas liegt der Schleier arabischer Erzählerkunst. Nach Aussagen königstreuer Sprecher landete die Boeing, mit Einschüssen an Rumpf und Fahrwerk und nur einem intakten Triebwerk, ohne größere Schwierigkeit auf dem Flughafen Rabat-Salé. Der Monarch begrüßte im Empfangsgebäude ungerührt die zu seiner Rückkehr versammelten Minister und Diplomaten. Als er unter den Anwesenden seinen engsten Vertrauten und mächtigsten Paladin, General Oufkir, vermißte, schöpfte er Verdacht. Gemeinsam mit seinem Bruder, Prinz Moulay Abdullah, eilte der Monarch aus dem Empfangssalon. Wenige Minuten später griffen die Jagdbomber das Flughafengebäude an.