Von Eugen Oker

Die meisten Leute, die in den Bayerischen Wald fahren, fahren gar nicht in den Bayerischen Wald. Sie fahren in den Böhmerwald, jenes Grenzgebirge vom Fichtelgebirge bis zur österreichischen Grenze mit so einprägsamen Gipfeln wie Osser, Arber, Rachel und Lüsen. So will es die Geographie. Der Bayerische Wald ist vom Böhmerwald deutlich durch den Fluß Regen geschieden und ihm von Regensburg bis Pässau vorgelagert. Aber wohl der Einfachheit halber betitelte schon 1851 der Professor der Baukunst zu Prag, Bernhard Grueber, seinen sehr ausführlichen Reise- und Wanderführer mit "Der Bayrische Wald" – erst darunter in Klammern "Böhmerwald".

Ignorieren also auch wir die offiziellen Namen und reden in der Zunge des Fremdenverkehrs, indem wir – pars pro toto – den ferienträchtigen Landstrich halt auch Bayerischer Wald rennen, oder besser ausweichen auf die Bezeichnungen Wald und Vorwald, wie es die Einheimischen tun.

Der Wald wird dem hercynischen Gebirgssystem zugerechnet, zu dem auch Fichtelgebirge, Harz, Thüringer Wald, Spessart, Rhön und Erzgebirge gehören. Diese ururalten Granitgebirge sind sich sehr ähnlich, ihre Stimmung ist ernst, elegisch, undramatisch. So auch der Wald. Doch möchte ich ihm, bevor es ans Wandern geht, noch ein paar Glanzlichter aufsetzen:

  • Die barocke Klosterbibliothek von Waldsassen,
  • der wendische Markt Floß mit seinem alten Judenfriedhof und der sensationellen Ruinenkulisse der Flossenbürg,
  • die keltische Kultstätte bei Neunburg,
  • die Kletterburg mit dem reizenden nahebeigelegenen Gemeindezentrum Marienstein,
  • das Rokokokleinod Frauenzell,
  • die geschichtsträchtige Wallfahrtskirche auf dem Bogenberg bei Straubing, deren schwangere Patronin ihr Geheimnis durch ein Fensterchen im Bauch preisgibt – jährlich tragen Burschen dreizehn Meter hohe Kerzen im Laufschritt den steilen Berg hinauf,
  • das vorzüglich gastronomisch betreute Gut Unterlichtenau am Hang des Steinbergs bei Hauzenberg mit seinem ungemein erholsamen Abendblick über die Bergketten des Walds.

Wandern im Wald. Das hat seine Haken. Hier hinten kann man nämlich nicht so wie in anderer Natur die Gegend durchstreifen, der Nase nah, auch mal quer durch einen Wald, ohne Weg. Dieser Bayerische Wald ist diesbezüglich ausgesprochen unwirtlich, seine Hänge so gut wie unbegehbar. Da haben hilfreiche Organisationen eingegriffen und die gangbaren Pfade nicht nur gut markiert, sondern ihre Begehbarkeit so gut es ging verbessert, und so findet der Wanderer schon irgendwo hin und wieder zurück, ohne Angst, sich zu verirren.

Hilfreiche, wenn auch farblose Hinweise beten die "Rundwänderungen Bayerischer Wald" von Helmut Dumler (Fink-Verlag, Stuttgart, 7,80 Mark). Viel besser finde ich jedoch die "Kompaß-Wanderkarten 1:50 000" (Fleischmann-Verlag, Starnberg, 2,80 Mark), die eine gewaltige Fülle von Wanderwegen nebst denn Markierungen topographisch darbieten.