Das Gleichgewicht der Kräfte: Nicht ein Fünfeck, sondern zwei Dreiecke

Von Zbigniew Brzezinski

Im Augenblick, da Henry Kissinger in Tokio mit dem neuen Ministerpräsidenten verhandelt, ist dessen Abgesandter bei Tschou En-lai eingetroffen; zugleich befindet sich eine Delegation der Bank von Tokio in Peking. Die chinesisch-japanische Normalisierung schreitet rasch voran. Professor Brzezinski, führender Sowjetologe Amerikas, hat im vorigen Jahr sechs Monate in Japan gelehrt und war inzwischen wieder dort.

Präsident Nixon hat kürzlich die Welt der siebziger Jahre als eine Welt beschrieben, in der fünf Mächte den Ton angeben, die gemeinsam ein Gleichgewicht der Kräfte bilden. Nach meinem Dafürhalten trifft dies nicht zu. Denn "fünf Mächte" sind vom Gewicht her nicht gleich, weder politisch noch ökonomisch; auch in den Beziehungen untereinander sind sie nicht gleichrangig.

Die heutige Welt setzt sich aus sehr unterschiedlichen Mächten zusammen. Einige sind politisch geeint, aber es fehlt ihnen die wirtschaftliche Kraft (China). Andere haben wirtschaftliche Macht, spielen aber militärisch keine Rolle (Japan). Und wieder andere haben ohne militärische, aber mit wirtschaftlicher Macht die bestmögliche politische Einheit erreicht (Europa).

Die USA werden – so wenigstens darf man annehmen – in nächster Zukunft ihre gegenwärtige Politik beibehalten: Es bleibt bei Beziehungen, die zu Europa und Japan enger sind als zur Sowjetunion oder zu China. Dieses intensive Verhältnis zwischen Amerika, Europa und Japan beruht auf gemeinsamen politischen Zielvorstellungen, auf einer vielseitigen wirtschaftlichen Verflechtung und auf der Ähnlichkeit des sozialen und politischen Entwicklungsniveaus.

Es ist daher korrekter, die gegenwärtige weltpolitische Konstellation so zu charakterisieren: Es existieren zwei Dreiecke, die auf der bipolaren Machtachse Amerika–Sowjetunion ruhen. Das Verhältnis zwischen den beiden Supermächten wird bestimmt von dem Bestreben, sich gegenseitig in Schach zu halten: Jede Seite verfügt über ausreichende Machtmittel, um die andere unter Kontrolle zu halten, aber keine hat genügend Macht, um einseitig loszuschlagen. Dieser Zustand unterscheidet sich wesentlich von dem asymmetrischen und unausgewogenen Verhältnis zwischen den beiden Großmächten zur Zeit des Kalten Krieges.