Der Wahlkampf hat, obwohl der Termin für Neuwahlen noch nicht festliegt, bereits begonnen. Opposition und Koalitionsparteien gaben in der vergangenen Woche ihre Strategie bekannt, wobei sie davon ausgehen, daß nach einer von allen Parteien gutgeheißenen "olympischen Politikpause" der Bundestag im September aufgelöst und die Wahl Anfang Dezember stattfinden wird.

Bundeskanzler Brandt umriß die Ziele der SPD in einer Rede anläßlich des 20. Todestages von Kurt Schumacher. Gegen die "agitatorischen" und "verlogenen Zerrbilder" der Opposition verteidigte er die Idee des demokratischen Sozialismus, der sich an einer menschenwürdigen Gesellschaft orientiere und sich beharrlich um die schrittweise Verwirklichung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität bemühe. Die CDU/CSU zeichne zwar, ein "Volksfrontgespenst von links"; die SPD halte aber daran fest, daß es keinen ideologischen Mischmasch mit Kommunisten, keine Volksfrontpolitik, keine sogenannte Aktionseinheit geben werde. Die SPD bekenne sich zum Wettbewerb und Eigentum, stehe aber zu ihrer Auffassung, daß ohne Mitbestimmung und Demokratie in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft weder der innere Frieden gesichert noch das Godesberger Programm erfüllt werden könne.

Die CDU-Spitzengremien haben am Montag einstimmig ihr Konzept beschlossen. Unter dem Motto "Wiedergewinnung der Stabilität" will die Union einen politischen, informativen und argumentierenden Wahlkampf führen, der zwar nicht verschweigen werde, daß die "SPD versagt und uns um die versprochenen Reformen geprellt" hat, aber doch das eigene Programm der Mannschaft um Barzel in den Vordergrund rücken werde. Das CDU-Präsidium billigte einen Acht-Punkte-Plan zur Stabilitätspolitik, den die SPD als "klägliches Ergebnis langer Beratungen" bezeichnete.

Der Parteivorstand der FDP kam am Wochenende überein, den Wähler durch sachliche Argumente zu überzeugen und jene Bereiche zu betonen, an denen FDP-Minister maßgeblich beteiligt waren. Der Bundesvorstand schlug ferner vor, die Wahlkampfkosten zu beschränken und kontrollieren zu lassen und ein Abkommen über faire Wahlkampfführung abzuschließen.

Zu Wochenbeginn klärte sich auch der "Fall Schiller". Der frühere Wirtschaf is- und Finanzminister hatte Anfang voriger Woche in Düsseldorf mit Oppositionsführer Barzel gesprochen. Wie die Hamburger Illustrierte Stern erfahren haben will, hat Barzel dabei Schiller das Verkehrs- oder Wissenschaftsministerium – unter Umständen als Parteiloser – Angeboten und bei einer Regierungsumbildung einen Posten im Wirtschafts- und Finanzbereich in Aussicht gestellt. Schiller habe abgelehnt. Beide Seiten dementierten diesen Bericht als völlig falsch und frei erfunden. Am Widerstand gegen Schiller innerhalb der CDU hatten führende Oppositionspolitiker allerdings keinen Zweifel gelassen. Ihr Hauptargument: Man könne nicht mit dem Mann in der Regierungsmannschaft antreten, den man bisher als Verantwortlichen für die Finanzmisere attackiert habe.

Nach der Unterredung mit Barzel sagte Schiller am Donnerstag eine weitere Kandidatur für die SPD ab. Der Wähler werde kaum verstehen, wenn er wieder für die SPD antrete. Brandt erklärte daraufhin bei einer Wahlreise, eine Kandidatur Schillers sei jetzt nicht mehr "angebracht".

Am Sonntag führten Brandt und Schiller ein Gespräch unter vier Augen. Einen Tag später legte Schiller alle Parteiämter im Präsidium und Vorstand der SPD nieder, blieb aber Mitglied der Partei.